The Autopsy of Jane Doe

Der Horrorfilm braucht selten viel Raum. Ein Keller, zwei Menschen und ein Körper auf einem Tisch reichen aus, solange die Fragen stimmen. André Øvredal setzt 2016 genau darauf und verlegt fast den gesamten Film unter die Erde. „The Autopsy of Jane Doe“ folgt einer Obduktion, die in der Nacht beginnt und kein Ende findet. Der Norweger gab damit sein englischsprachiges Regiedebüt. Das Drehbuch stand 2013 auf der Black List der besten unverfilmten Stoffe Hollywoods. Von dort führte der Weg direkt in ein Kellergeschoss in der englischen Grafschaft Kent.

The Autopsy of Jane Doe [dt./OV]
Dauer: 86 Min.
FSK: ab 16 Jahren
Jahr:
Regie: André Øvredal
Produzenten: Rory Aitken, Ben Pugh, Fred Berger
Hauptdarsteller: Brian Cox, Emile Hirsch, Ophelia Lovibond
Nebendarsteller: Michael McElhatton, Olwen Catherine Kelly, Jane Perry
Studio: Lionsgate
Sprachen: Deutsch, English

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Zwei Coroner arbeiten sich Schicht für Schicht durch einen Leichnam ohne Namen und ohne Verletzungen an der Oberfläche. Was sie im Inneren finden, passt zu keinem gültigen Befund. Der Film hält sich streng an die Abläufe der Pathologie und nutzt sie als Taktgeber für seinen Schrecken. Blicke auf Instrumente, Waagen und Notizbögen ersetzen den schnellen Schockschnitt fast vollständig. Wie lange bleibt eine Untersuchung eine Untersuchung, wenn jede Antwort eine neue Unmöglichkeit ergibt?

Besetzung, Drehorte & Infos

Der Film entstand 2016 in den Vereinigten Staaten und trägt im Original denselben Titel. Regie führte der Norweger André Øvredal, der zuvor mit Trollhunter international auffiel. Das Drehbuch schrieben Ian B. Goldberg und Richard Naing. Die Musik stammt von Danny Bensi und Saunder Jurriaans, hinter der Kamera stand Roman Osin. Für den Schnitt war Patrick Larsgaard zuständig. „The Autopsy of Jane Doe“ arbeitet mit zahlreichen Elementen des Body-Horrors.

Brian Cox spielt den Coroner Tommy Tilden, der seinen Betrieb im Keller des eigenen Hauses führt. Ursprünglich war Martin Sheen für die Rolle vorgesehen, sagte wegen Terminproblemen jedoch ab. Im März 2015 übernahm Cox die Aufgabe. Die unbekannte Tote verkörpert das irische Model und Schauspielerin Olwen Catherine Kelly. Nach Aussage des Regisseurs hatte sie die schwierigste Rolle, weil sie acht bis zehn Stunden pro Drehtag reglos auf einem Tisch liegen musste. Kelly sprach als Erste vor und wurde wegen ihres Yoga-Trainings und ihrer flachen Atmung ausgewählt. Daneben stehen der Sohn Austin, dessen Freundin Emma und Sheriff Burke.

Die Produktion begann am 30. März 2015 in London. Gedreht wurde fast ausschließlich im Keller eines Bestattungsunternehmens im Ort Selling in der südenglischen Grafschaft Kent. Der Film läuft 86 Minuten, die FSK gab ihn ab 16 Jahren frei. Die Premiere fand am 9. September 2016 beim Toronto International Film Festival statt. In den USA lief er ab dem 21. Dezember 2016, die deutschsprachige Erstaufführung folgte im September 2017 beim Fantasy Filmfest. Ab dem 20. Oktober 2017 war er hierzulande auf Blu-ray und DVD erhältlich.

Inhalt & Handlung vom Film „The Autopsy of Jane Doe“

In einem Haus im Ort Grantham in Virginia findet die Polizei drei brutal ermordete Menschen. Halb vergraben im Keller liegt eine vierte Tote, die niemand kennt. Sheriff Burke ordnet noch für dieselbe Nacht eine Obduktion an. Er bringt den Leichnam zu den örtlichen Coronern Tommy Tilden und dessen Sohn Austin, die im Keller ihres Hauses arbeiten. Austin war eigentlich mit seiner Freundin Emma verabredet und bleibt trotzdem. Die ersten Befunde ergeben ein widersprüchliches Bild. Totenflecken fehlen, die Totenstarre ist ausgeblieben, Hand- und Fußgelenke sind ohne jedes Hämatom gebrochen. Zusätzlich wurde der Toten die Zunge abgeschnitten.

Nach dem Öffnen des Brustkorbs sehen Vater und Sohn Organe, die denen von Brandopfern gleichen. Dazu kommen Stichverletzungen, obwohl die Haut vollkommen unversehrt ist. Während der Arbeit häufen sich die Zwischenfälle. Blut- und Organproben laufen im Kühlschrank aus. Die Katze der Tildens kommt schwer verletzt durch die Lüftungsöffnung und muss getötet und im Krematorium verbrannt werden. Im Verdauungssystem der Toten findet sich die Blüte eines gemeinen Stechapfels. Dazu kommt ein Grabtuch mit römischen Zahlen, Schriftzeichen und Symbolen, die sich auch auf der Innenseite des Brustkorbs wiederfinden. Tommy und Austin kommen zu dem Schluss, dass die Frau aus dem Norden stammt und einem Ritualmord zum Opfer fiel.

Die Nacht im Leichenkeller

Dann fällt das Licht aus, während aus den Kühlkammern die übrigen Leichen verschwinden. Tommy und Austin wollen mit dem Aufzug fliehen, doch dieser funktioniert nicht. Von den lebenden Toten verfolgt, verschanzen sie sich in einem Büro. Schließlich beschließen sie, die unbekannte Frau im Krematorium zu verbrennen. Eine unsichtbare Kraft verriegelt jedoch die Ofentür, und obwohl Austin den Körper mit Aceton übergießt, bleibt der Leichnam vom Feuer verschont.

Nach dem Löschen versuchen beide erneut, den Aufzug zu erreichen. Als sich eine Gestalt nähert, schlägt Tommy mit der Notfallaxt zu und trifft Emma, die Austin abholen wollte. Zurück in der Leichenhalle öffnen sie die Schädeldecke der Unbekannten und stellen fest, dass ihre Gehirnzellen nicht abgestorben sind. Auf dem Grabtuch entdecken sie außerdem eine Bibelstelle aus Levitikus sowie die Jahreszahl 1693. Deshalb vermuten sie eine Verbindung zu den Hexenprozessen von Salem. Tommy glaubt, dass die damaligen Folterungen einer Unschuldigen genau das Wesen erschufen, das die Menschen vernichten wollten.

Da sein Körper inzwischen dieselben Verletzungen zeigt, erkennt er, dass die Tote sich an ihren Peinigern rächt. Um Austin zu retten, bietet Tommy sich als Opfer an. Seine Gelenke brechen und seine Wunden werden schlimmer, während gleichzeitig die Verletzungen der Toten heilen. Schließlich bittet er seinen Sohn, sein Leiden zu beenden, woraufhin Austin ihn mit einem Messerstich tötet. Kurz darauf hört Austin den Sheriff, erkennt dessen Stimme jedoch als Halluzination. Als er sich umdreht, sieht er seinen Vater und stürzt über das Treppengeländer in den Tod. Am nächsten Morgen findet die Polizei drei Leichen, während die unbekannte Frau vollkommen unversehrt auf dem Tisch liegt.

Filmkritik und Fazit zum Film „The Autopsy of Jane Doe“

André Øvredal inszeniert „The Autopsy of Jane Doe“ als Kammerspiel mit chirurgischer Genauigkeit. Roman Osins Kamera bleibt eng am Tisch, an den Instrumenten und an den Händen, die immer ruhiger werden, je unmöglicher der Befund ausfällt. Brian Cox spielt den Vater als Routinier, dessen Sicherheit langsam abbröckelt. Die Beziehung zwischen Vater und Sohn wird nebenbei erzählt und trägt trotzdem den gesamten Schluss. Olwen Catherine Kelly liegt reglos im Bild und erzeugt allein durch ihre Anwesenheit den Druck des Films. Das Drehbuch von Ian B. Goldberg und Richard Naing hält die Erklärungen bis zuletzt zurück.

Das Tempo folgt der Prozedur, jeder Schnitt in den Körper öffnet eine neue Frage. Die Sequenz mit dem Kühlschrank und der verletzten Katze verschiebt den Ton vom Verfahren ins Unheimliche, ohne dass ein Monster nötig wäre. Später sorgt das Radio im Hintergrund für eine der unangenehmsten Passagen. Danny Bensi und Saunder Jurriaans setzen auf tiefe, gestrichene Töne statt auf Schreckakkorde. Die Enge der Räume wird nie zur Ausrede für Unübersichtlichkeit. Erst im letzten Drittel greift der Film zu bekannteren Mitteln.

Freunde des ruhigen Horrors bekommen 86 Minuten, die ohne Blendwerk auskommen. Wer viel Blut und schnelle Schnitte erwartet, wird die erste Stunde als zäh empfinden. Für Zuschauer, die Spannung aus Genauigkeit ziehen, gehört der Film zu den stärksten Vertretern seines Jahrzehnts. Empfindliche Gemüter sollten die Freigabe ab 16 Jahren ernst nehmen. Wer ihn allein und spät sieht, wird ihn so schnell nicht los.