Der Hauptmann
Eine Uniform ist zunächst ein Stück Stoff mit Knöpfen. Sie wird zu etwas anderem, sobald jemand sie anzieht und die Umgebung mitspielt. Willi Herold war neunzehn Jahre alt, als er im April 1945 zwischen Gronau und Bad Bentheim eine Hauptmannsjacke fand. Was danach geschah, kostete mindestens 162 Menschen das Leben. Robert Schwentke hat diesen Fall unter dem Titel „Der Hauptmann“ verfilmt, in Schwarzweiß und ohne Aussicht auf Trost. Der Film kam im März 2018 in die deutschen Kinos. Erzählt wird konsequent aus der Perspektive der Täter.
| Dauer: | 119 Min. |
|---|---|
| FSK: | ab 16 Jahren |
| Jahr: | 2017 |
| Regie: | Robert Schwentke |
| Produzenten: | Frieder Schlaich, Irene von Alberti |
| Hauptdarsteller: | Max Hubacher, Frederick Lau, Bernd Hölscher |
| Nebendarsteller: | Waldemar Kobus, Alexander Fehling, Samuel Finzi |
| Studio: | Florian Ballhaus |
| Sprachen: | Deutsch, English |
Das deutsche Kino hat den Zweiten Weltkrieg oft erzählt, meist aus der Sicht derer, die litten oder Widerstand leisteten. Schwentke wählte den unbequemeren Platz. Seine Kamera steht neben den Männern, die schießen, und bleibt dort. Widerstand kommt in dieser Geschichte kaum vor, eine Läuterung der Hauptfigur überhaupt nicht. Der Krieg ist längst verloren, die Hierarchien halten trotzdem. Das Publikum bekommt keine Figur angeboten, hinter der es sich verstecken kann. Wie erträgt man einen Film, der einem jede Ausrede nimmt?
Besetzung, Drehorte & Infos
„Der Hauptmann“ ist eine deutsch-polnisch-französische Koproduktion aus dem Jahr 2017. Robert Schwentke führte Regie und schrieb das Drehbuch. Florian Ballhaus stand hinter der Kamera und fotografierte den Historienfilm durchgehend in Schwarzweiß. Den Schnitt verantwortete Michał Czarnecki. Martin Todsharow komponierte die Musik, deren Design Industrial-Klänge mit Schlagern aus der Zeit des Dritten Reichs verbindet. Der Soundtrack mit achtzehn Stücken erschien Anfang April 2018 bei Königskinder. Produziert haben Filmgalerie 451, Alfama Films und Opus Film, das Gesamtbudget lag bei 5,8 Millionen Euro.
Max Hubacher spielt Willi Herold, den Gefreiten, der zum falschen Offizier wird. Milan Peschel ist Freytag, der Kraftfahrer, der sich ihm freiwillig unterstellt. Frederick Lau, Waldemar Kobus, Sascha Alexander Geršak und Alexander Hörbe gehören zur Truppe und zum Lagerpersonal. Alexander Fehling und Samuel Finzi vervollständigen das Ensemble. Für seine Leistung erhielt Hubacher 2018 den Bayerischen Filmpreis als bester Nachwuchsdarsteller. Alexander Fehling war beim Deutschen Filmpreis für die beste männliche Nebenrolle nominiert. Bernd Hölscher stand beim Deutschen Schauspielpreis auf der Nominiertenliste.
Gedreht wurde ab Februar 2017 in Zgorzelec, Breslau und am Flugplatz Mirosławiec, dazu in Görlitz, Schöpstal und Großschönau. Das Lager mit seinen Baracken entstand eigens in Polen und wurde für den Bombenangriff in Echtzeit gesprengt. Der Film wurde chronologisch gedreht und läuft 119 Minuten, die FSK gab ihn ab sechzehn Jahren frei. Die Weltpremiere fand im September 2017 in Toronto statt. Der Europäische Filmpreis 2018 ging an die Tonarbeit. In San Sebastián wurde Ballhaus mit dem Jurypreis für die Kamera ausgezeichnet.
Inhalt & Handlung vom Film „Der Hauptmann“
Zwei Wochen vor Kriegsende jagen Feldgendarmen unter Hauptmann Junker den Gefreiten Willi Herold über ein Feld. In einem Waldstück gelingt es ihm jedoch, die Verfolger abzuschütteln. Danach irrt er hinter der Front umher, hungrig, schlecht bekleidet und in ständiger Angst, als Deserteur aufgegriffen zu werden. Als sich ihm ein anderer Versprengter anschließt, brechen sie gemeinsam nachts in eine Scheune ein. Doch das Bauernpaar Görner entdeckt die beiden und erschlägt Herolds Begleiter, während er selbst entkommt. Kurz darauf findet er einen verlassenen Geländewagen der Wehrmacht und darin die Uniform eines Luftwaffenhauptmanns, die er daraufhin anzieht. In diesem Aufzug überrascht ihn schließlich der Gefreite Freytag, der ihn für einen echten Offizier mit liegengebliebenem Fahrzeug hält und sich deshalb als Kraftfahrer anbietet.
Herold nimmt das Angebot an und probiert anschließend die neue Rolle aus. In einer Wirtschaft gibt er sich als amtlicher Berichterstatter aus und verspricht den Einwohnern Ersatz für das, was Plünderer ihnen genommen haben. Noch in derselben Nacht drängen die Bauern ihn allerdings dazu, einen beim Stehlen ertappten Soldaten zu erschießen. Daraufhin tut er es. Am nächsten Morgen kehrt er mit Freytag zum Hof der Görners zurück, wo drei weitere Soldaten die Bauern drangsalieren, unter ihnen der Gefreite Kipinski. Auch sie unterstellen sich ihm. Dadurch begreift Herold, welche Türen die Uniform öffnet, und gründet die Kampfgruppe Herold. Nach und nach kommen immer mehr Versprengte dazu, darunter sogar eine Geschützmannschaft mit einer Flugabwehrkanone.
Die Macht der falschen Uniform
Als die Feldgendarmerie die Truppe aufgreift, behauptet Herold, als Sondereinsatzführer Adolf Hitler persönlich über die Zustände hinter der Front zu berichten. Junker erkennt ihn nicht wieder und stellt ihn SA-Führer Schütte vor, der das Wachpersonal im Emslandlager II befehligt. Wegen der Überfüllung verlangt Schütte ein militärisches Standgericht für die Gefangenen, darunter Deserteure. Zwar widersetzt sich Lagerleiter Hansen, der der zivilen Justiz untersteht, doch Herolds angebliche Vollmachten brechen seinen Widerstand. Daraufhin beginnt ein Massaker, bei dem auch die Flugabwehrkanone eingesetzt wird. Besonders brutal gehen Kipinski und Schüttes Stellvertreter Brockhoff vor. Niemand hinterfragt mehr die Autorität des vermeintlichen Hauptmanns.
Anschließend veranstaltet Herold einen Bunten Abend. Dort lernt er Schüttes Frau Gerda und den gefangenen Schauspieler Roger kennen, die sich danach an Ermordungen beteiligen. Freytag hingegen verabscheut die Erschießungen und ahnt, dass Herold die Offiziersuniform nicht rechtmäßig trägt. Trotzdem schweigt er und deckt ihn. Als Leibgarde Herold übernimmt die Truppe während Schüttes und Hansens Abwesenheit das Lager. Weitere Häftlinge sterben, wobei Herold einige eigenhändig tötet. Schließlich zerstören britische Artillerie und Flugzeuge das Lager.
Als Schnellgericht Herold zieht die Gruppe anschließend in eine benachbarte Kleinstadt. Dort tötet sie den Bürgermeister, weil er ein weißes Tuch mit der Aufschrift Welcome aufgehängt hat. Außerdem beraubt sie Passanten und bezieht das beste Hotel. Kipinski hat Herolds falsche Identität längst durchschaut. Aus Eifersucht um Irmgard und aus Rache für dessen Widerworte lässt Herold ihn foltern und erschießen. Am nächsten Morgen stürmt die Feldgendarmerie das Hotel. Vor dem Militärgericht setzen sich jedoch Junker und der Militärstaatsanwalt für Herold ein. Daraufhin wird das Verfahren ausgesetzt, und Herold entkommt, indem er sich aus einem Fenster abseilt. Zuletzt verschwindet er über eine von Skeletten übersäte Lichtung. Der Abspann nennt seine Festnahme durch die Royal Navy und seine Hinrichtung im November 1946.
Filmkritik und Fazit zum Film „Der Hauptmann“
Schwentke inszeniert „Der Hauptmann“ als Kammerspiel unter freiem Himmel, hart geschnitten und frei von Musik, die etwas erklären möchte. Florian Ballhaus fotografiert in einem Schwarzweiß, das jeden Kontrast schärft und dem Blut die Farbe nimmt. Beim Massaker sucht die Kamera nicht die Opfer, sie bleibt bei den Männern an ihren Maschinen, die schwitzen und weiterarbeiten. Der Schrecken wandert dadurch auf die Tonspur, wo Schüsse, Schreie und Einschläge einander ablösen. Max Hubacher spielt Herold ohne jede Erklärung, als jemand, der seine Rolle täglich ein Stück weiter treibt. Milan Peschel gibt Freytag als stillen Mitläufer.
Das Drehbuch verweigert die Psychologie und hat damit recht. Herold ist kein Sonderfall, er ist ein Produkt seiner Umgebung, und diese Umgebung funktioniert bis in die letzte Kriegswoche tadellos. Zwei Bilder bleiben besonders haften. Der Moment, in dem ein junger Mann eine fremde Jacke anzieht und darin auf einmal anders steht. Dazu die Szene in der Wirtschaft, in der er zum ersten Mal einen Ton anschlägt, den ihm alle abkaufen. Im Mittelteil zieht das Tempo an, bis die Groteske die Oberhand gewinnt. Der Nachspann in der heutigen Innenstadt von Görlitz ist ein Schlag, den man nicht kommen sieht.
Für Freunde des historischen Kinos ist dieser Film Pflicht. Wer Kriegsfilme wegen der Schlachten schaut, wird enttäuscht. Wer sehen möchte, wie Gewalt organisiert wird und wie schnell Menschen dabei mitmachen, findet hier eine der härtesten deutschen Produktionen der letzten Jahre. Angenehm ist das zu keiner Minute. Sehenswert ist es trotzdem, und zwar dringend. Man diskutiert danach lange weiter, und genau das hat Schwentke ausdrücklich beabsichtigt. Ein Film, der verstören will und dieses Ziel erreicht.

