Legend
Das Londoner East End der Sechzigerjahre hat sich als Erzählraum längst verselbstständigt. Zwischen Nachtclubs, Boxhallen und Reihenhäusern liegt ein Mythos, der in Großbritannien bis heute nachhallt. Zwei Brüder stehen in dessen Zentrum, und ihr Nachname ist dort eine Vokabel für eine ganze Epoche geworden. Brian Helgeland griff diesen Stoff 2015 auf und nannte seinen Film schlicht „Legend„. Der Titel zielt auf den Nachruhm dieser Gestalten, auf ihren Klang im kollektiven Gedächtnis. Kino und Kriminalgeschichte gehen hier eine ihrer ältesten Verbindungen ein. Tom Hardy übernimmt beide Hauptrollen.
| Dauer: | 131 Min. |
|---|---|
| FSK: | ab 16 Jahren |
| Jahr: | 2015 |
| Regie: | Brian Helgeland |
| Produzenten: | Michael Bassick |
| Hauptdarsteller: | Tom Hardy, Emily Browning, Chazz Palminteri |
| Nebendarsteller: | David Thewlis, Colin Morgan, Tara Fitzgerald |
| Studio: | STUDIOCANAL, Cross Creek Pictures |
| Sprachen: | Deutsch, English |
Die Vorlage lieferte John Pearsons Buch über Aufstieg und Fall der Kray-Zwillinge. Helgeland war bereits 1998 auf deren Geschichte gestoßen und ließ sie fast zwei Jahrzehnte in der Schublade reifen. Zwischen Premiere im September 2015 und deutschem Kinostart im Januar 2016 lag ein knappes Vierteljahr. Was dazwischen entstand, ist ein Porträt zweier Männer, die sich zugleich brauchten und behinderten. Carter Burwells Musik begleitet dieses Duo durch 131 Minuten. Wie erzählt man von Verbrechern, ohne ihnen ein Denkmal zu setzen?
Besetzung, Drehorte & Infos
„Legend“ ist eine britisch-französische Koproduktion aus dem Jahr 2015. Brian Helgeland führte Regie und schrieb zugleich das Drehbuch. Als Vorlage diente The Profession of Violence: The Rise and Fall of the Kray Twins von John Pearson, eine Biografie der Kray-Zwillinge. Die Filmmusik komponierte Carter Burwell, der zugehörige Soundtrack erschien am 11. September 2015 und umfasst 33 Tracks. Hinter der Kamera stand Dick Pope. Den Schnitt verantwortete Peter McNulty. Die Premiere fand am 9. September 2015 statt, der deutsche Kinostart folgte am 7. Januar 2016.
Tom Hardy spielt beide Hauptfiguren, Reggie und Ronnie Kray, in einer Doppelrolle. Emily Browning gehört ebenso zum Ensemble wie Paul Anderson und Christopher Eccleston. David Thewlis, Colin Morgan und Tara Fitzgerald übernehmen weitere Rollen, Joshua Hill vervollständigt die Riege. Die Rollen der Zwillinge liegen damit in einer einzigen Hand. Beide Figuren gehen auf reale Personen zurück, deren Leben früh von Gewalt bestimmt war. Bereits in den 1930er und 1940er Jahren traten die Krays als Rivalen im Boxring gegeneinander an.
Der Film läuft 131 Minuten. In Deutschland ist er ab 16 Jahren freigegeben. Die Begründung verweist auf drastische Gewaltszenen, die stets in die Charakterentwicklung eingebettet und nie verherrlichend gezeigt werden. Tom Hardy erhielt für die Doppelrolle den British Independent Film Award und den Preis der Toronto Film Critics Association. Bei den Satellite Awards folgte eine Nominierung, bei den Saturn Awards eine weitere als Bester internationaler Film. Carter Burwell wurde 2016 als Film Composer of the Year geehrt.
Inhalt & Handlung vom Film „Legend“
London in den Sechzigerjahren. Reggie Kray, ein früherer Boxer, hat sich einen festen Platz in der kriminellen Unterwelt der Stadt erarbeitet. Sein Zwillingsbruder Ron hingegen sitzt zu diesem Zeitpunkt in einer psychiatrischen Klinik und wird dort wegen paranoider Schizophrenie behandelt. Deshalb setzt Reggie Drohungen ein, um die vorzeitige Entlassung seines Bruders zu erzwingen. Anschließend nehmen die beiden gemeinsam große Teile des Londoner Untergrunds ins Visier. Der Kopf der südlondoner Richardson-Bande, die auch als Torture Gang bekannt ist, wandert zugleich ins Gefängnis. Dabei zielt einer der ersten Schritte der Zwillinge auf einen örtlichen Nachtclub. Durch Erpressung und brutale Gewalt verschaffen sie sich die Kontrolle darüber. Währenddessen beginnt Reggie eine Beziehung mit Frances, der Schwester seines Fahrers, die er später heiratet.
Doch eine ältere Verurteilung holt Reggie ein, und er muss ins Gefängnis. Frances nimmt ihm dort das Versprechen ab, das kriminelle Leben hinter sich zu lassen. Allerdings hält er dieses Wort nie, weil ihn der Reiz des Verbrechens stärker bindet als jeder Schwur. Während seiner Haft übernimmt Ron die Geschäfte im Nachtclub. Dessen Unberechenbarkeit und seine Neigung zur Gewalt reißen jedoch tiefe Löcher in die Kasse. Infolgedessen bleiben die Gäste aus, und das Lokal steht kurz vor der Schließung. Zugleich zeigt Ron eine kaum verhohlene Feindseligkeit gegenüber Frances, in der Eifersucht mitschwingt. In der ersten Nacht nach Reggies Entlassung prügeln sich die Brüder schließlich mit bloßen Fäusten. Danach finden sie zwar wieder zueinander, wenn auch nur zum Teil. Dennoch bleibt der Riss zwischen ihnen spürbar.
Das Geschäft mit Amerika
Der Ruf der Brüder reicht inzwischen bis in die Vereinigten Staaten. Im Auftrag von Meyer Lansky und der amerikanischen Mafia tritt Angelo Bruno an sie heran. Er und Reggie teilen die Gewinne aus dem illegalen Londoner Glücksspiel, während die Krays den Schutz vor Ort sichern. Anfangs floriert das Geschäft, doch Rons Paranoia gefährdet Reggies Kontrolle. Während Ron das Gangsterdasein genießt, setzt Reggie auf Zurückhaltung. Schließlich tötet Ron öffentlich George Cornell aus dem Umfeld der Torture Gang. Danach bittet die Mutter Reggie, seinen Bruder zu schützen. Scotland Yard beginnt daraufhin umfassende Ermittlungen gegen die Krays.
Unterdessen zerbricht Reggies Ehe an seiner Kriminalität. Frances erträgt weder seine leeren Besserungsversprechen noch Rons Hass und beschafft sich illegal verschreibungspflichtige Medikamente. Nachdem Reggie sie schlägt und vergewaltigt, verlässt sie ihn. Als er um Versöhnung wirbt, scheint sie einzulenken. Gemeinsam planen sie eine Reise nach Ibiza, doch kurz darauf nimmt Frances sich mit einer Überdosis das Leben. Reggie bleibt mit seiner Schuld zurück, während die Geschäfte weiterlaufen. Zugleich misstraut Ron Leslie Payne, der die legalen Unternehmungen führt. Deshalb beauftragt er den Kleinkriminellen Jack „the Hat“ McVitie, Payne zu töten.
McVitie verletzt Payne jedoch nur. Daraufhin wendet sich dieser gegen die Brüder und liefert Detective Superintendent Leonard „Nipper“ Read, dem Leiter der Ermittlungen und langjährigen Gegenspieler der Krays, belastende Aussagen. Als Reggie davon erfährt, ersticht er McVitie während einer von Ron ausgerichteten Feier. Paynes Aussagen führen zur Festnahme Rons wegen des Mordes an Cornell. Eine Polizeieinheit tritt außerdem Reggies Wohnungstür ein und verhaftet ihn wegen McVities Ermordung. Bei ihm sollen noch zwei Tickets nach Ibiza gefunden worden sein. Schließlich werden beide Brüder wegen Mordes zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt. Ron stirbt 1995 an einem Herzinfarkt, Reggie fünf Jahre später an Blasenkrebs.
Filmkritik und Fazit zum Film „Legend“
Brian Helgeland verantwortet Regie und Drehbuch in Personalunion, und „Legend“ trägt die Vor- und Nachteile dieser Doppelfunktion. Dick Popes Kamera hält die Sechzigerjahre fest, ohne die Epoche zu einem Schaufenster zu machen. Tom Hardy leistet die eigentliche Arbeit des Films. Er trennt die beiden Brüder über Haltung, Stimmlage und Blick so klar, dass man nach zehn Minuten nicht mehr an einen einzigen Darsteller denkt. Reggie bekommt Glätte und Kalkül, Ron eine schwerfällige, jederzeit kippende Präsenz. Das Drehbuch hält dieses Niveau nicht durch, weil es die Stationen der Karriere eher abhakt als durchdringt. Carter Burwells Musik hält sich dabei zurück.
Das Tempo bleibt über 131 Minuten unruhig. Die erste Stunde drängt voran, das Mittelstück hakt Etappen ab, der Schluss zieht die Fäden zügiger zusammen, als der Stoff es verdient hätte. Am stärksten wirkt der Film dort, wo er sich Zeit nimmt: etwa in der Faustschlägerei der Brüder in ihrem eigenen Lokal, bei der Zuneigung und Zerstörungswut ununterscheidbar werden. Ähnlich präzise gerät die Verhandlung mit dem Abgesandten der amerikanischen Mafia, in der Höflichkeitsformeln und Drohungen dasselbe Vokabular teilen. Zwischen solchen Momenten liegen Passagen, in denen das Genre seine Routinen abspult. Die Gewaltszenen sind drastisch, bleiben aber an die Figuren gebunden.
Für Liebhaber britischer Gangsterstoffe lohnt sich der Film. Wer Tom Hardy schätzt, findet hier eine Aufgabe von seltener Schwierigkeit und eine Lösung, die ihre Preise verdient hat. Wer eine analytische Durchdringung des organisierten Verbrechens erwartet, wird enttäuscht. Helgeland verzichtet auf Heroisierung, verzichtet dabei aber auch auf eine erkennbare Haltung. Übrig bleibt ein solide gebautes Zeitbild mit einem außergewöhnlichen Hauptdarsteller. Für einen Abend mit London, Nadelstreifen und schlechten Entscheidungen reicht das.

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