Der freie Wille

Manche Fragen haben keine Antwort, und manche Filme haben den Mut, das auszusprechen. „Der freie Wille“ von Matthias Glasner aus dem Jahr 2006 beginnt mit einer Vergewaltigung. Was folgt, ist kein Film über ein Verbrechen, sondern über die Grenzen menschlicher Selbstbestimmung. Jürgen Vogel, der nicht nur die Hauptrolle spielt, sondern auch am Drehbuch und der Produktion beteiligt war, erhielt auf der Berlinale den Silbernen Bären für seine besondere künstlerische Leistung. Der Film ist fast drei Stunden lang, handwerklich roh, inhaltlich kompromisslos.

Der freie Wille
Dauer: 163 Min.
FSK: ab 16 Jahren
Jahr:
Regie: Matthias Glasner
Produzenten: Frank Döhmann, Christian Granderath, Matthias Glasner
Hauptdarsteller: Manfred Zapatka, Jürgen Vogel, Sabine Timoteo
Nebendarsteller: Judith Engel, Anna Brass, André Hennicke,
Studio: Colonia Media
Sprachen: Deutsch, English

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Der Titel des Films ist kein Zitat, er ist eine Frage: Hat Theo Stoer freien Willen? Hat Nettie Engelbrecht ihn? Die Antwort des Films ist nicht beruhigend, und das ist seine Stärke. Glasner, der auch selbst die Kamera führte, nähert sich dem Stoff mit dokumentarischer Geduld, ohne je pathologisch zu werden. Was hier gezeigt wird, ist kein Täterverständnis, kein Opferklischee, sondern etwas Schwierigeres: das Porträt zweier Menschen, die sich trotz ihrer Beschädigungen suchen und finden. Wie verändert sich das Bild eines Täters, wenn man ihn in seiner Zerrissenheit zeigt?

Besetzung, Drehorte & Infos

Der freie Wille“ entstand unter der Regie von Matthias Glasner, das Drehbuch schrieben Glasner, Jürgen Vogel und Judith Angerbauer. Produziert wurde der Film von Christian Granderath, Frank Döhmann, Glasner und Vogel selbst. Glasner führte auch die Kamera und übernahm den Schnitt. Gedreht wurde in Mülheim an der Ruhr und Belgien. Die Dreharbeiten liefen von September 2004 bis Februar 2005.

Jürgen Vogel spielt Theo Stoer mit einer Körperlichkeit und emotionalen Präzision, die selten im deutschen Kino zu finden ist. Sabine Timoteo ist als Nettie Engelbrecht gleichwertig: ihre Darstellung einer Frau, die zwischen Emanzipation und Abhängigkeit pendelt, ist das zweite Zentrum des Films. André Hennicke als Bewährungshelfer Sascha gibt der Geschichte ihren gesellschaftlichen Rahmen, Manfred Zapatka als Netties Vater das Bild einer anderen Form von Kontrolle.

Die Weltpremiere fand am 13. Februar 2006 auf der Berlinale statt. Jürgen Vogel gewann den Silbernen Bären für Besondere Künstlerische Leistung als Schauspieler, Co-Autor und Produzent. Er erhielt zudem den Darstellerpreis beim Tribeca Film Festival 2006. Matthias Glasner erhielt den Regiepreis der Gilde der deutschen Filmkunsttheater. Die FBW vergab das Prädikat „besonders wertvoll“. Laufzeit: 163 Minuten, FSK 16.

Inhalt & Handlung vom Film „Der freie Wille“

Theo Stoer vergewaltigt eine junge Radfahrerin an der Ostseeküste. Es ist nicht das erste Mal. Das Gericht weist ihn in eine geschlossene Psychiatrie ein, wo er neun Jahre lang psychiatrisch behandelt wird. Als er auf Bewährung entlassen wird, zieht er in eine betreute Wohngemeinschaft in Mülheim an der Ruhr. Sein Bewährungshelfer Sascha kümmert sich um seinen Alltag und verschafft ihm eine Stelle in einer Druckerei. Die Struktur soll helfen. Der Film zeigt von Beginn an, wie viel Mühe sie kostet.

Theo versucht, seine Triebe zu kontrollieren. Er betreibt Kraftsport, geht durch seinen Alltag mit einer Genauigkeit, die Erschöpfung ist. Er lernt Nettie kennen, die Tochter des Druckereibesitzers Claus Engelbrecht. Auch sie ist beschädigt: Ihr Vater hat sie über Jahre emotional kontrolliert, sie sozial und beruflich von sich abhängig gemacht. Nettie lebt unter einem Regime aus Erwartungen, dem sie sich nie vollständig entziehen konnte. Die beiden nähern sich einander langsam, vorsichtig, mit großen Umwegen. Was sie verbindet, ist keine Leichtigkeit, sondern das geteilte Wissen, dass das eigene Leben nicht ganz einem selbst gehört.

Rückfall und Endpunkt

Als Nettie ein Praktikum in Belgien antritt, bleibt Theo allein zurück. Die neu gewonnene Ordnung seines Alltags verliert ihren Halt. Er folgt ihr nach Belgien. In einem Kirchenkonzert kommen sie sich nah, und aus dem zögerlichen Kontakt wird eine Beziehung. Theo gesteht ihr seine Vergangenheit, seine Verurteilung, die Jahre in der Psychiatrie. Er glaubt für eine Zeit lang, dass er mit ihr etwas kontrollieren kann, was er allein nicht kontrollieren konnte.

Er kann es nicht. An einem Abend, an dem Nettie ihn versetzt, vergewaltigt er erneut eine Frau. Die Therapie, die Struktur, die Beziehung: nichts davon hat ihn verändert, nur aufgehalten. Er gesteht es Nettie. Sie flieht zu ihrem Vater. Nettie konfrontiert inzwischen eine frühere Betroffene, die sie tätlich angreift. Als Nettie zurückkommt, ist Theo verschwunden. Sie sucht ihn, findet Hinweise auf Berlin, verfolgt ihn bis an die Küste. In einem Strandhotel entdeckt sie Rasierklingen und eine gefüllte Badewanne. Sie findet ihn am Meer. Sie ist dabei, als er stirbt.

Was Nettie nicht tut: Sie ruft nicht um Hilfe. Sie lässt ihn sterben, wie er es will. Sie hält ihn, während er verblutet.

Filmkritik und Fazit zum Film „Der freie Wille“

Der freie Wille“ ist eines der radikalsten deutschen Dramen seit Jahren. Glasner nähert sich einem Thema, das Kino gewöhnlich meidet oder vereinfacht, mit dokumentarischer Sachlichkeit und fast störender Geduld. Die Kamera bleibt nah an den Figuren, ohne zu kommentieren. Was man sieht, muss selbst eingeordnet werden. Das ist unbequem, und das ist gewollt. Glasner verweigert jede Katharsis, jeden erlösenden Moment, der dem Zuschauer erlauben würde, sich zurückzulehnen. Der Film zwingt zur Teilnahme.

Jürgen Vogel gibt Theo kein Verständnis und keine Entschuldigung. Er gibt ihm eine Existenz. Der Silberne Bär der Berlinale 2006, den Vogel für diese Leistung erhielt, war folgerichtig: Es ist eine Darstellung, die sich nie um Sympathie bemüht und gerade deshalb nicht loslässt. Sabine Timoteo ist gleichwertig: Ihre Nettie emanzipiert sich langsam aus der Kontrolle des Vaters Claus Engelbrecht, nur um in eine andere Abhängigkeit zu geraten. Der Film rechtfertigt nichts davon. Er zeigt, wie es sich anfühlt, von innen.

Die fast dreistündige Laufzeit kostet Kraft. Sie ist nicht willkürlich: Glasner braucht die Zeit, um die kleinen Momente zu zeigen, in denen Menschen gleichzeitig täuschen und ehrlich sind, in denen Kontrolle und Kontrollverlust nah beieinander liegen. Die Deutsche Film- und Medienbewertung hat den Film als besonders wertvoll eingestuft, was selten genug vorkommt bei Stoffen dieser Härte. Kein Film über dieses Thema hätte weniger Zeit gebraucht.

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