Pocahontas
Am 15. Juni 1995 verwandelte Disney den Central Park in einen Kinosaal für geschätzte 100.000 Menschen. Diese Zahl gilt bis heute als Rekord für die größte Filmpremiere überhaupt. Gezeigt wurde „Pocahontas„, der 33. abendfüllende Zeichentrickfilm des Studios. Erstmals stand eine historisch belegte Person im Zentrum eines Disney-Films. Rund 600 Zeichner, Animatoren und Techniker arbeiteten daran, allein 55 Künstler an der Hauptfigur. Im Haus galt das Projekt als der schwerste Film, den die Zeichentrickschmiede je angefasst hatte. Der Ehrgeiz war entsprechend groß.
| Dauer: | 81 Min. |
|---|---|
| Jahr: | 1995 |
| Regie: | Eric Goldberg, Mike Gabriel |
| Produzenten: | James Pentecost |
| Hauptdarsteller: | Irene Bedard, Judy Kuhn, Mel Gibson |
| Nebendarsteller: | Linda Hunt, Christian Bale, Billy Connolly |
| Studio: | Disney |
| Sprachen: | Deutsch, English |
In den USA startete der Film am 23. Juni 1995 und nahm am ersten Wochenende rund 30 Millionen Dollar ein. Am Ende standen 346 Millionen Dollar bei Produktionskosten von 55 Millionen. Der König der Löwen, fast zeitgleich im selben Haus entstanden, spielte etwa das Doppelte ein. Deutschland und Österreich sahen den Film ab dem 16. November 1995, die Schweiz einen Tag später. Warum blieb ausgerechnet das Prestigeprojekt hinter dem Film zurück, dem man weniger zugetraut hatte?
Besetzung, Drehorte & Infos
„Pocahontas“ entstand 1995 in den USA und läuft 81 Minuten. Regie führten Mike Gabriel und Eric Goldberg, das Drehbuch schrieben Carl Binder, Susannah Grant und Philip Lazebnik. Die Musik komponierte Alan Menken, die Liedtexte stammen von Stephen Schwartz. Als Kameraverantwortlicher wird Andreas Deja geführt, den Schnitt übernahm H. Lee Peterson. Die FSK gab den Film ohne Altersbeschränkung frei. Sieben Lieder gehören dazu, mehrere davon mit Reprise. Für Menken war es nach drei früheren Titeln die vierte Arbeit an einem Disney-Meisterwerk.
Im Mittelpunkt stehen Pocahontas und John Smith. In der englischen Originalfassung spricht Irene Bedard Pocahontas, Judy Kuhn singt ihre Lieder. Mel Gibson spricht John Smith. Russell Means übernimmt Häuptling Powhatan, James Apaumut Fall den Krieger Kokoum und Gordon Tootoosis den Medizinmann Kekata. Christian Bale spricht den jungen Seemann Thomas. David Ogden Stiers leiht Gouverneur Ratcliffe und dessen Diener Wiggins seine Stimme. Linda Hunt spricht die Mentorin Großmutter Weide. John Kassir und Frank Welker liefern die Laute von Waschbär Meeko und Kolibri Flit. Die deutsche Fassung entstand bei der Berliner Synchron; Marianne Groß schrieb das Dialogbuch, Lutz Riedel führte die Dialogregie.
Als Vorbild für die Schauplätze diente das historische Jamestown in Virginia, wohin eine Gruppe des Teams reiste. Der künstlerische Leiter Michael Giaimo brachte von dort seine Farbpaletten in Blau und Rosa mit. 1996 gewann Alan Menken zwei Oscars, einen für die Filmmusik und einen für den Song Colors of the Wind. Golden Globe und Grammy folgten für dasselbe Lied. Ein Environmental Media Award kam bereits 1995 hinzu. 1998 erschien die Fortsetzung direkt für den Videomarkt.
Inhalt & Handlung vom Film „Pocahontas“
England im Jahr 1607. Im Auftrag der Virginia Company segeln Männer nach Amerika, darunter Abenteurer John Smith und Expeditionsleiter John Ratcliffe, der als künftiger Gouverneur von Jamestown nach Gold sucht. Dabei hält die Mannschaft die neue Welt für rückständig, während Smith während eines Sturms den über Bord gegangenen Thomas rettet. Unterdessen kehrt Häuptling Powhatan aus einem Krieg zurück und verspricht seine Tochter Pocahontas dem Krieger Kokoum. Da sie ihn jedoch als zu ernst empfindet, sucht sie Rat bei Großmutter Weide. Dort berichtet sie von einem Traum mit einem kreisenden Pfeil, bevor sie kurz darauf vermeintliche Wolken über der Bucht entdeckt, die sich schließlich als Segel entpuppen.
Nachdem die Engländer Jamestown gegründet haben, suchen sie auf Ratcliffes Befehl nach Gold. Währenddessen erkundet Smith das Gebiet und begegnet Pocahontas, die mit Waschbär Meeko und Kolibri Flit unterwegs ist. Obwohl sie einander zunächst nicht verstehen, entwickelt sich durch Pocahontas‘ Vertrauen auf ihr Herz eine Freundschaft und schließlich Liebe. Dabei zeigt sie Smith ihre Kultur und die Natur, wodurch er allmählich seine Vorurteile hinterfragt. Gleichzeitig wächst jedoch das Misstrauen zwischen den Völkern, weshalb Powhatan nach einer Warnung des Medizinmanns Kekata einen Erkundungstrupp unter Kokoum entsendet. Als die Engländer die Späher entdecken, kommt es schließlich zum ersten bewaffneten Zusammenstoß, bei dem ein Krieger angeschossen wird.
Wenn Misstrauen zur Waffe wird
Powhatan betrachtet die Fremden nun als Feinde und fordert deshalb Unterstützung von Verbündeten. Ratcliffe glaubt dagegen, dass die Ureinwohner Gold verstecken würden. Während Pocahontas und Smith vergeblich versuchen, ihre Völker zu beruhigen, treffen sie sich heimlich bei Großmutter Weide. Gleichzeitig verfolgt Thomas Smith im Auftrag Ratcliffes. Als Kokoum das Paar entdeckt, greift er Smith an. Daraufhin erschießt Thomas Kokoum, woraufhin dessen Begleiter Smith für den Täter halten und gefangen nehmen. Powhatan verurteilt ihn deshalb zum Tod und kündigt seine Hinrichtung für den nächsten Morgen an. Zugleich weist er Pocahontas zurecht und bereitet sein Volk auf einen Krieg gegen die Engländer vor.
Nachdem Thomas in Jamestown von Smiths Gefangennahme berichtet hat, ruft Ratcliffe zum Angriff auf. Daraufhin ziehen beide Heere im Morgengrauen los. Pocahontas zweifelt inzwischen an ihrem Weg, doch Großmutter Weide ermutigt sie. Als sie anschließend Smiths Kompass betrachtet, erkennt sie darin den kreisenden Pfeil ihres Traums. Von den Geistern der Erde geleitet eilt sie deshalb zum Richtplatz und wirft sich im letzten Moment schützend über Smith. Vor den versammelten Kriegern erklärt sie ihrem Vater, dass Hass und Gewalt beide Völker vernichten könnten. Damit widersetzt sie sich erstmals offen seinem Willen und versucht zugleich, zwischen den verfeindeten Parteien Frieden zu stiften.
Powhatan erkennt schließlich die Weisheit seiner Tochter, verhindert den Kampf und lässt Smith frei. Doch Ratcliffe schießt auf den Häuptling, woraufhin Smith Powhatan zur Seite stößt und selbst getroffen wird. Daraufhin wenden sich Ratcliffes Männer gegen ihren Anführer und führen ihn ab. Powhatan verspricht Smith anschließend, dass er bei seinem Volk jederzeit willkommen sei. Wegen seiner schweren Verletzung muss der Engländer jedoch zur Genesung nach London zurückkehren. Obwohl Pocahontas ihn liebt, entscheidet sie sich schweren Herzens, bei ihrem Volk zu bleiben. Schließlich verabschiedet sie Smith und beobachtet von einem Felsen aus, wie sein Schiff die Küste verlässt.
Filmkritik und Fazit zum Film „Pocahontas“
Mike Gabriel und Eric Goldberg zeichnen „Pocahontas“ kantiger als alles, was Disney zuvor auf die Leinwand brachte. Runde Kindergesichter weichen geraden Linien, und selbst Pflanzen und Bäume folgen dieser Strenge. Die Figuren bewegen sich auffällig realistisch, während Details wie einzelne Haare oder Fingernägel schlicht fehlen. Kamerafahrten entstehen durch verschobene Bildebenen, etwa wenn die Einstellung auf die Heldin am Felsen zufährt. Alan Menkens Partitur trägt den Film, die Texte von Stephen Schwartz geben ihm sein Thema. Die deutsche Fassung der Berliner Synchron hält die Lieder nah am Original, wobei Frank Lenart und Lutz Riedel die Texte übertrugen.
Die Farbdramaturgie ist das eigentliche Ereignis. Blätter im Wind umwehen die Figuren immer dann, wenn jemand nachdenkt oder etwas begreift. Dunkles Blau gehört den Nachtszenen bei Großmutter Weide, ein aggressives Rot den Momenten der Wut. In Das Farbenspiel des Winds wechseln die Kombinationen im Takt der Musik, und aus einer Lektion über Natur wird eine Farbenlehre. Das Tempo bleibt gemessen, die Dramaturgie folgt einem klaren Bogen von Vorurteil zu Einsicht. Wer Slapstick erwartet, bekommt hier wenig davon, denn die Tiere schweigen konsequent.
Für Freunde klassischer Zeichentrickromantik lohnt sich der Film, sofern man den ernsten Ton mitträgt. Menkens Musik allein rechtfertigt ein Wiedersehen, die beiden Oscars von 1996 kamen nicht von ungefähr. Wer den Detailreichtum älterer Disney-Werke sucht, wird die fehlende Feinzeichnung bemerken. Wer Farbe als Erzählmittel schätzt, findet eine der konsequentesten Arbeiten des Studios. Der Abschied am Felsen, umweht von bunten Blättern, wirkt bis heute nach. Für Kinder taugt der Film ohne Einschränkung, für Erwachsene bleibt genug zu entdecken.

