Anomalisa
Es gibt Filme, die ihre Form zum Argument machen. „Anomalisa“ gehört zu dieser Sorte. Charlie Kaufman und Duke Johnson erzählen von einem Mann, dessen Wahrnehmung sämtliche Mitmenschen zu einer einzigen Person verschmilzt. Dass diese Idee mit Puppen aus dem 3D-Drucker umgesetzt wurde, hat mit Kinderkino nichts zu tun. Das Material trägt die These. Der Film stammt aus dem Jahr 2015 und geht auf ein Theaterstück zurück, das Kaufman zehn Jahre zuvor schrieb. Zwischen Bühne und Leinwand liegen also ein Jahrzehnt und ein Wechsel des Aggregatzustands.
| Dauer: | 90 Min. |
|---|---|
| FSK: | ab 12 Jahren |
| Jahr: | 2015 |
| Regie: | Charlie Kaufman, Duke Johnson |
| Produzenten: | Rosa Tran, Duke Johnson, Charlie Kaufman |
| Hauptdarsteller: | Jennifer Jason Leigh, Tom Noonan |
| Nebendarsteller: | David Thewlis |
| Studio: | Paramount Pictures |
| Sprachen: | Deutsch, English |
Michael Stone ist Motivationstrainer, Bestsellerautor und auf Reisen. In einem Hotel in Cincinnati soll er über Kundenservice sprechen. Sein Hotelzimmer wird zum Hauptschauplatz. Alle Gesichter um ihn herum tragen dieselbe Maske, alle Stimmen gehören demselben Mann. Neunzig Minuten lang folgt der Film diesem Zustand, ohne ihn zu erklären. Carter Burwells Musik hält sich zurück, die Kamera von Joe Passarelli bleibt dicht an den Puppen. Was geschieht mit einem Menschen, der niemanden mehr unterscheiden kann?
Besetzung, Drehorte & Infos
„Anomalisa“ entstand 2015 in den Vereinigten Staaten und läuft im Original unter demselben Titel. Regie führten Duke Johnson und Charlie Kaufman gemeinsam, während das Drehbuch von Kaufman allein stammt. Dabei handelt es sich um die Umarbeitung eines Bühnenstücks, das er unter dem Pseudonym Francis Fregoli verfasst hatte und das an das Fregoli-Syndrom angelehnt ist. Somit liegen zwischen Theatertext und Kinofassung rund zehn Jahre. Die Musik komponierte Carter Burwell, während Joe Passarelli die Kamera führte und Garret Elkins den Schnitt verantwortete. Für die Tontechnik zeichnete zudem unter anderem Aaron Glascock verantwortlich. Die Laufzeit beträgt schließlich 90 Minuten.
Die Originalfassung wird dagegen von nur drei Stimmen getragen. David Thewlis spricht Michael Stone, den Autor eines Ratgebers über Selbsthilfe und Motivationstraining im Kundenservice. Jennifer Jason Leigh leiht wiederum Lisa ihre Stimme, jener Frau, die sich Stones Wahrnehmung als Einzige entzieht. Tom Noonan übernimmt hingegen sämtliche übrigen Figuren, Männer wie Frauen, Ehefrau wie Sohn. Zugleich sind sämtliche Akteure als mechanische Puppen erkennbar, deren Gesichter in Augenhöhe zweigeteilt wirken. Die deutsche Fassung entstand wiederum bei der FFS Film- & Fernseh-Synchron GmbH in München. Dabei schrieb Klaus Hüttmann das Dialogbuch, während Solveig Duda die Dialogregie führte.
Die Puppen entstanden außerdem im 3D-Druckverfahren. Die Finanzierung begann zunächst über die Plattform Kickstarter, wo für ein damals höchstens vierzigminütiges Werk 200.000 US-Dollar angestrebt und schließlich gut 400.000 US-Dollar erzielt wurden. Eine weitere Zusage von Starburns Industries erlaubte anschließend die Ausweitung auf Spielfilmlänge. Die FSK gab den Film schließlich ab zwölf Jahren frei. Passend zum Ursprung des Stoffes heißt das Hotel im Film Fregoli. Bei der Oscarverleihung 2016 stand er zudem als bester animierter Spielfilm auf der Nominiertenliste. Insgesamt kamen achtzehn Filmpreise zusammen, dazu rund sechzig weitere Nominierungen.
Inhalt & Handlung vom Film „Anomalisa“
Der Film spielt im Jahr 2005, als Michael Stone, ein in England geborener Experte für Kundenservice und gefragter Motivationsredner, nach Cincinnati in Ohio reist. Dort soll er auf einem Kongress im Fregoli Hotel sein neues Buch vorstellen. Von allen Menschen um ihn herum fühlt er sich jedoch getrennt, denn sie tragen für ihn dasselbe Gesicht und sprechen zudem mit derselben männlichen Stimme. Auch Ehefrau und Sohn klingen am Telefon deshalb verzerrt und austauschbar. Auf seinem Zimmer probt Michael unterdessen die Rede. Dabei verfolgt ihn immer wieder die Erinnerung an einen zornigen Brief seiner früheren Geliebten Bella, die er Jahre zuvor ohne Erklärung verlassen hat. Schließlich ruft er sie an und verabredet sich mit ihr in der Hotelbar. Die Gedanken an sie bleiben zwar verschwommen, der Brief dagegen sitzt fest.
Das Treffen misslingt jedoch. Bella ist noch immer gekränkt, und als Michael sie schließlich auf sein Zimmer einlädt, verlässt sie empört die Bar. Danach geht er durch die Stadt und hält dabei einen Sexshop für ein Spielwarengeschäft. Er möchte seinem Sohn etwas mitbringen, bemerkt drinnen jedoch den Irrtum und bleibt trotzdem an einer japanischen Puppe hinter dem Tresen hängen, die sich mechanisch bewegt. Zurück im Hotel hört er schließlich unter der Dusche eine weibliche Stimme, die sich in das Einerlei seiner Wahrnehmung nicht einfügt. Daraufhin stürzt er aus dem Zimmer und klopft an die Türen der Nachbarn. So findet er schließlich Lisa, eine unsichere junge Frau, die mit einer Kollegin wegen seines Vortrags angereist ist. Lisa hat ein durchschnittliches Äußeres, eine Narbe im Gesicht und zudem wenig Selbstwertgefühl.
Eine Stimme im Hotelflur
Michael lädt beide Frauen auf einen Drink in die Bar ein. Später bittet er jedoch allein Lisa auf sein Zimmer. Dort drängt er sie zu singen und von ihrem Leben zu erzählen. Sie stimmt Girls Just Want to Have Fun von Cyndi Lauper an. Als sie sich selbst eine Anomalie nennt, gibt er ihr den Namen Anomalisa. Die beiden kommen sich näher und schlafen miteinander. In der Nacht plagt Michael ein Albtraum, in dem die untere Hälfte seines Gesichts abfällt. Die immergleichen Menschen verfolgen ihn und bestehen darauf, dass er und Lisa nicht zusammengehören. Der Traum treibt ihn zu einem Entschluss.
Am Morgen schlägt Michael Lisa deshalb vor, ein neues Leben mit ihm zu beginnen. Sie willigt ein, doch beim Frühstück stören ihn ihre Essgewohnheiten. Kurz darauf gleichen sich ihr Gesicht und ihre Stimme denen aller anderen an. Auch der Vortrag auf dem Kongress gerät zum Zusammenbruch. Michael behauptet, niemanden zum Reden zu haben, und schweift in eine Tirade über die amerikanische Regierung ab. Das Publikum wendet sich von ihm ab. Der Mann, der anderen das Sprechen mit Kunden beibringt, findet selbst keine Worte mehr. Der Werbeauftritt endet als öffentliche Selbstdemontage.
Schließlich kehrt Michael in sein Haus in Los Angeles zurück. Die japanische Puppe schenkt er seinem Sohn, der wenig damit anfangen kann. Aus dem Spielzeug tritt eine Substanz aus, die seine Frau beiläufig abtut. Sie hat eine Überraschungsparty organisiert, doch Michael erkennt keinen der Gäste. Er setzt sich allein auf die Treppe. Die Puppe singt derweil ein japanisches Kinderlied, während ihr Gesicht Schäden an den Stellen aufweist, an denen Lisa ihre Narbe trägt. Lisa schreibt Michael einen Brief und hofft auf ein Wiedersehen unter anderen Umständen. Neben ihr im Auto sitzt ihre Kollegin, deren Gesicht nun unverwechselbar ist.
Filmkritik und Fazit zum Film „Anomalisa“
Die Regie von Duke Johnson und Charlie Kaufman verlässt sich auf ein einziges gestalterisches Prinzip, und sie hält daran ohne Kompromiss fest. Jede Nebenfigur in „Anomalisa“ trägt dasselbe Gesicht mit derselben Furche auf Augenhöhe, jede spricht mit derselben Stimme. Tom Noonan liefert dieses akustische Grundrauschen mit einer Gleichmäßigkeit, die bald körperlich unangenehm wird. David Thewlis gibt Michael eine müde Höflichkeit, hinter der die Panik sitzt. Jennifer Jason Leigh spielt Lisa mit einer Zögerlichkeit, die jede Silbe abwägt. Joe Passarellis Kamera bleibt nah an den Puppen und traut deren Mimik erstaunlich viel zu. Kaufmans Drehbuch verzichtet auf Erklärungen und lässt die Diagnose im Hotelnamen versteckt.
Das Tempo ist bewusst niedrig gehalten. Der Anruf zu Hause, bei dem Frau und Sohn nur verzerrt klingen, dauert länger als angenehm und trifft genau deshalb. Ähnlich wirkt der Gang durch jenen Laden, den Michael für ein Spielwarengeschäft hält, weil die Kamera verweilt, während der Irrtum langsam sichtbar wird. Carter Burwells Musik setzt sparsame Figuren, die nie ins Sentimentale kippen. Die Animation wirkt an manchen Stellen fast grobmotorisch, was der Nähe zwischen den Figuren nichts nimmt. Wer Tempo sucht, wird an den ruhigen Passagen zu kauen haben.
Für Freunde des Animationsfilms jenseits der Familienunterhaltung führt an dieser Produktion kein Weg vorbei. Sie verlangt Geduld und belohnt sie mit einer Genauigkeit, die selten geworden ist. Wer eine Liebesgeschichte erwartet, wird enttäuscht, denn der Film interessiert sich für Wahrnehmung, nicht für Romantik. Freunde von Kaufmans verschachtelten Erzählungen finden hier seine klarste Arbeit. Neunzig Minuten, ein Hotelzimmer, eine einzige unverwechselbare Stimme: Das genügt für einen Abend, der nachhallt.

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