Der Geschmack von Rost und Knochen
Die Côte d’Azur im Kino ist meistens ein Versprechen. Palmen, Licht, Geld, das von selbst zu fließen scheint. Jacques Audiard hat 2012 eine Geschichte an genau diesem Ort angesiedelt und alles weggelassen, was den Prospekt ausmacht. „Der Geschmack von Rost und Knochen“ spielt in Antibes, zwischen Supermarktkasse, Sicherheitsdienst und einem Meerespark, und die Sonne trifft dort auf Menschen, die kaum über die Runden kommen. Der Titel klingt nach Blut im Mund. Er meint auch genau das.
| Dauer: | 127 Min. |
|---|---|
| FSK: | ab 12 Jahren |
| Jahr: | 2012 |
| Regie: | Jacques Audiard |
| Produzenten: | Pascal Caucheteux, Martine Cassinelli |
| Hauptdarsteller: | Marion Cotillard, Matthias Schoenaerts, Armand Verdure |
| Nebendarsteller: | Céline Sallette, Corinne Masiero, Mourad Frarema |
| Studio: | Why Not Productions |
| Sprachen: | Deutsch, English |
Die Vorlage stammt von dem Kanadier Craig Davidson, dessen Erzählungssammlung „Rust and Bone“ 2005 erschien. Audiard nahm daraus eine Kurzgeschichte und verlegte sie nach Südfrankreich. In den Hauptrollen stehen sich Marion Cotillard und Matthias Schoenaerts gegenüber, zwei Figuren, die auf den ersten Blick nichts verbindet. Der Film lief 2012 im Wettbewerb von Cannes und brachte im Jahr darauf vier Césars ein. Wie erzählt man von einem Körper, der plötzlich ein anderer ist?
Besetzung, Drehorte & Infos
„Der Geschmack von Rost und Knochen“ entstand 2012 als französisch-belgische Koproduktion und trägt im Original den Titel De rouille et d’os. Regie führte Jacques Audiard, der das Drehbuch gemeinsam mit Thomas Bidegain verfasste. Die Musik schrieb Alexandre Desplat, hinter der Kamera stand Stéphane Fontaine, den Schnitt verantwortete Juliette Welfling. Die Vorlage bildet eine Kurzgeschichte aus der 2005 erschienenen Sammlung Rust and Bone von Craig Davidson. Die Spezialeffekte lieferte die französische Firma Mikros Image.
Marion Cotillard spielt die Orca-Trainerin Stéphanie, Matthias Schoenaerts den Gelegenheitsarbeiter Ali. Bouli Lanners ist als dessen Auftraggeber Martial zu sehen, Corinne Masiero als Alis Schwester Anna. Armand Verdure verkörpert den kleinen Sam. Zum weiteren Ensemble gehören Céline Sallette, Mourad Frarema und Yannick Choirat. Schoenaerts erhielt 2013 den César als bester Nachwuchsdarsteller, Cotillard war für einen Golden Globe als beste Hauptdarstellerin in einem Drama nominiert. Der Film selbst stand ebenfalls auf der Globe-Liste, in der Kategorie bester fremdsprachiger Film.
Die Amputation der Beine entstand am Computer. Marion Cotillard trug grüne Kniestrümpfe, deren Inhalt später gelöscht oder durch das Bild einer Unterschenkelprothese ersetzt wurde. Für Einstellungen im Rollstuhl kam ein Modell mit doppeltem Boden zum Einsatz, für die Szenen auf der Matratze eine Konstruktion mit Hohlraum. Der Film läuft 127 Minuten und ist ab zwölf Jahren freigegeben. Neben dem Preis für Schoenaerts gab es Césars für das beste adaptierte Drehbuch, die beste Filmmusik und den besten Schnitt.
Inhalt & Handlung vom Film „Der Geschmack von Rost und Knochen“
Ali ist Mitte zwanzig und reist mit seinem kleinen Sohn Sam nach Antibes. Dort lebt seine Schwester Anna, die als Kassiererin in einem Supermarkt arbeitet und deshalb wenig verdient. Trotzdem nimmt sie die beiden auf und übernimmt außerdem einen großen Teil der Sorge um das Kind. Zwischen Vater und Sohn stimmt jedoch vieles nicht. Ali geht mit dem Jungen mitunter grob um und behandelt ihn dabei eher wie einen Anhang als wie ein Kind. Seine Vorliebe für schnelle Bekanntschaften kostet ihn zudem den Überblick, und mehr als einmal vergisst er deshalb, Sam von der Schule abzuholen. Was das Kind in dieser Konstellation braucht, spielt dagegen in Alis Kalkül kaum eine Rolle.
Ali beherrscht verschiedene Kampftechniken und findet über diese Fähigkeit schließlich einen Job bei einer Sicherheitsfirma. Bei der Arbeit als Wachmann trifft er wiederum auf den älteren Martial, der in großen Betrieben heimlich Überwachungskameras installiert. Dass diese Anlagen allerdings nicht die Kundschaft im Blick haben, sondern die Belegschaft, begreift Ali erst deutlich später. Die beiden Männer freunden sich dennoch an, und weil das Geld besser ist, wechselt Ali schließlich zu Martial. Der organisiert daneben illegale Kämpfe und bietet seinem neuen Mitarbeiter deshalb an, selbst anzutreten. Ali sagt zu, denn für ihn ist das kein Abstieg, sondern vielmehr die naheliegendste Art, mit dem umzugehen, was er hat: einem Körper, der Schläge einsteckt und austeilt.
Eine Begegnung an der Tür
Eines Nachts arbeitet Ali als Türsteher in einer Diskothek. Dort lernt er Stéphanie kennen, die bei einer Auseinandersetzung verletzt wurde. Er bringt sie nach Hause und erfährt, dass sie im Marineland von Antibes als Schwertwal-Trainerin arbeitet. Danach trennen sich ihre Wege. Erst Monate später meldet sich Stéphanie wieder und sucht ausgerechnet Ali.
Zwischen der ersten und der zweiten Begegnung liegt ein schwerer Arbeitsunfall. Bei der Arbeit mit einem Orca hat Stéphanie beide Unterschenkel verloren. Damit endet der Beruf, der ihr Leben bestimmt hat, und zugleich verändert sich ihr Verhältnis zum eigenen Körper. Ali reagiert anders als die Menschen in ihrem Umfeld. Er behandelt sie weder vorsichtig noch bemitleidet er sie. Stattdessen begegnet er ihr mit einer Selbstverständlichkeit, die ihr schließlich näherkommt als gut gemeinte Rücksicht. Den Unfall selbst zeigt der Film kaum. Entscheidend sind seine Folgen und Stéphanies Umgang mit ihrem neuen Leben.
Was sich zwischen beiden entwickelt, folgt keinem vertrauten Muster. Es ist eine Liebesgeschichte ohne große Erklärungen, in der zwei Menschen einander nehmen, wie sie sind. Ali bleibt unzuverlässig, roh und häufig blind für die Bedürfnisse anderer, auch für die seines Sohnes. Stéphanie findet über diese ungleiche Verbindung langsam den Weg zurück ins Leben. Einen großen Wendepunkt gibt es nicht. Stattdessen beobachtet der Film, wie sich zwei beschädigte Menschen gegenseitig verändern. Am Ende steht deshalb kein vollständiger Neuanfang, sondern ein Weiterleben unter anderen Bedingungen. Auch Ali verändert sich, wenn auch weniger sichtbar als Stéphanie.
Filmkritik und Fazit zum Film „Der Geschmack von Rost und Knochen“
Jacques Audiard erzählt „Der Geschmack von Rost und Knochen“ in harten Auslassungen. Ganze Wochen fallen dabei zwischen zwei Einstellungen weg, und Juliette Welflings Schnitt, für den sie einen César erhielt, macht daraus konsequent ein Prinzip. Stéphane Fontaine filmt Antibes wiederum in kaltem Tageslicht und rückt den Körpern dabei so nah, dass die Kamera fast körperlich wird. Alexandre Desplats Musik setzt dagegen nur dort ein, wo die Bilder sie tragen. Matthias Schoenaerts spielt Ali zudem mit einer Schwerfälligkeit, die jede Sympathielenkung verweigert, während Marion Cotillard auf jede Geste des Leidens verzichtet.
Der technische Aufwand bleibt jedoch unsichtbar, und genau das ist die eigentliche Leistung. Grüne Kniestrümpfe, ein Rollstuhl mit doppeltem Boden, eine Matratze mit Hohlraum: Von alldem sieht man deshalb im fertigen Film keinen Moment lang etwas. Dennoch bleiben zwei Szenen besonders haften. Zum einen die Ankunft in Antibes, bei der ein Mann mit einem übermüdeten Kind an der Hand vor der Wohnungstür seiner Schwester steht. Zum anderen die Nacht an der Diskothekentür, in der zwei Fremde lediglich ein paar Sätze wechseln, ohne dabei zu ahnen, was daraus folgt. Das Tempo bleibt allerdings unruhig, während einzelne Nebenstränge schließlich im Sand verlaufen.
Wer Dramen mit klarer Dramaturgie sucht, wird sich an diesem Film reiben. Alle anderen bekommen 127 Minuten, die dem Kitsch konsequent aus dem Weg gehen und zwei Darsteller zeigen, die auf dem Höhepunkt ihrer Möglichkeiten arbeiten. Für Liebhaber des europäischen Autorenkinos ist die Arbeit Pflicht, und auch wer sonst einen Bogen um französische Sozialdramen macht, sollte es hier versuchen. Empfehlenswert ist der Film für Zuschauer, die Geduld mitbringen und keine Auflösung erwarten, in der alles seinen Platz findet.

