Raum

Neun Quadratmeter genügen, um eine ganze Welt zu behaupten. Das irisch-kanadisch-britisch-amerikanische Filmdrama „Raum“ aus dem Jahr 2015 stellt diese Behauptung an den Anfang und zieht daraus seine Kraft. Lenny Abrahamson verfilmt den Roman von Emma Donoghue, die das Drehbuch selbst schrieb. Es geht um Nähe, um Sprache, um die Konstruktion von Wirklichkeit. Der Blick bleibt eng, bevor er sich weitet. Erzählt wird aus der Perspektive eines Kindes, dem niemand erklärt hat, was fehlt. Kaum ein Film dieser Jahre hat die Grenze zwischen Schutz und Gefangenschaft so präzise vermessen.

Raum [dt./OV]
Dauer: 118 Min.
FSK: ab 12 Jahren
Jahr:
Regie: Lenny Abrahamson
Produzenten: David Gross, Ed Guiney
Hauptdarsteller: Brie Larson, Jacob Tremblay, Joan Allen
Nebendarsteller: Sean Bridgers, William H. Macy, Wendy Crewson
Studio: Element Pictures
Sprachen: Deutsch, English

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Abrahamson interessiert sich weniger für den Täter als für die Menschen, die er zurücklässt. Die Kamera von Danny Cohen bleibt auf Augenhöhe des Jungen, und schon diese Entscheidung verschiebt alles. Was als Kammerspiel beginnt, öffnet sich in der zweiten Hälfte einer Welt, die längst weitergelaufen ist. Freiheit erweist sich dabei als Aufgabe, nicht als Belohnung. Brie Larson erhielt für ihre Rolle den Oscar, Jacob Tremblay spielte sich an ihre Seite. Wie erzählt man von einer Rückkehr, die keine Heimkehr sein kann?

Besetzung, Drehorte & Infos

Das Drama „Raum“ entstand 2015 als Koproduktion zwischen Irland, Kanada, dem Vereinigten Königreich und den Vereinigten Staaten. Regie führte Lenny Abrahamson, der Originaltitel lautet Room. Das Drehbuch schrieb Emma Donoghue nach ihrem eigenen Roman. Für die Musik zeichnete Stephen Rennicks verantwortlich, die Kamera führte Danny Cohen. Den Schnitt übernahm Nathan Nugent. Die deutsche Synchronfassung entstand bei Interopa Film in Berlin, Dialogbuch und Dialogregie lagen bei Clemens Frohmann. Premiere feierte der Film am 4. September 2015 beim Telluride Film Festival.

Brie Larson spielt Joy Newsome und wurde für diese Rolle mit dem Oscar sowie dem Golden Globe ausgezeichnet. Zur Vorbereitung holte sie den Rat eines Ernährungsberaters und eines Trauma-Experten ein. Neben ihr führt die Besetzungsliste Jacob Tremblay an zweiter Stelle. In weiteren Rollen sind Joan Allen, Sean Bridgers und William H. Macy zu sehen. Das Ensemble ergänzen Tom McCamus, Amanda Brugel und Joe Pingue. Zwischenzeitlich war Shailene Woodley für die Rolle der Joy Newsome im Gespräch. Für Allen und Macy bedeutete der Film die dritte gemeinsame Arbeit.

Gedreht wurde vom 10. November bis zum 15. Dezember 2014 in Toronto. Die Laufzeit beträgt 118 Minuten, die FSK gab den Film ab zwölf Jahren frei. In den USA startete er am 16. Oktober 2015 zunächst in ausgewählten Kinos. Der deutsche Kinostart folgte am 17. März 2016. Neben dem Oscar für Brie Larson sammelte die Produktion eine Vielzahl weiterer Filmpreise. Die Kritik reagierte überwiegend positiv. Als Vorlage diente Emma Donoghues Roman gleichen Namens.

Inhalt & Handlung vom Film „Raum“

Joy Newsome ist 24 Jahre alt und lebt mit ihrem fünfjährigen Sohn Jack in einem Schuppen von neun Quadratmetern, den beide Raum nennen. Ein Bett, eine Toilette, eine Badewanne, ein kleiner Tisch mit Stühlen und eine notdürftige Küche bilden die gesamte Einrichtung, während Licht ausschließlich durch ein Oberlicht hereinfällt. Sieben Jahre zuvor hat ein Mann Joy entführt, den Mutter und Sohn Old Nick nennen und der zugleich Jacks biologischer Vater ist. Er kommt regelmäßig vorbei, bringt Lebensmittel und vergewaltigt Joy mit trostloser Routine, während Jack im Wandschrank schläft. Obwohl Joy an Mangelernährung und Depressionen leidet, bleibt sie vor ihrem Sohn zuversichtlich. Deshalb lässt sie ihn glauben, nur Raum sei wirklich, während alles andere ausschließlich im Fernsehen existiere. Zu Beginn feiert Jack seinen fünften Geburtstag.

Eines Tages eröffnet Old Nick, dass er seinen Job verloren habe, weshalb unklar bleibt, ob er die Versorgung weiterhin sicherstellen kann. Joy zieht daraus den Schluss, dass sie fliehen muss, und benötigt dafür Jacks Hilfe. Zunächst soll der Junge eine Erkältung mit Fieber vortäuschen, denn Joy hofft, Old Nick werde beide deshalb in ein Krankenhaus fahren. Stattdessen bringt er jedoch lediglich Medikamente vorbei. Also entwickelt Joy einen neuen Plan und bringt ihrem Sohn bei, sich totzustellen. Anschließend wickelt sie ihn in einen Teppich und verlangt während eines gespielten Nervenzusammenbruchs, Old Nick möge Jack aus dem Raum schaffen und ihn dorthin bringen, wo Bäume stehen. Allerdings verlangt dieser Plan dem Fünfjährigen alles ab, denn er kennt weder Straßen noch Autos oder fremde Menschen. Somit widerspricht alles, was er tun soll, seiner bisherigen Vorstellung von der Welt.

Der Weg nach draußen

Old Nick fällt auf die List herein und fährt mit Jack im Teppich auf seinem Pick-up los. Als er an einem Stoppschild hält, springt Jack herunter und macht einen Passanten auf sich aufmerksam. Old Nick flieht, während der Junge erstmals unter freiem Himmel steht. Mithilfe seiner Erinnerungen und Satellitenaufnahmen rekonstruiert die Polizei die Fahrt, findet den Schuppen und befreit Joy. Kurz darauf werden beide mit Joys Eltern wiedervereint, während Old Nick festgenommen wird. Doch obwohl ihre Gefangenschaft endet, bleibt die Rückkehr in ein gewöhnliches Leben schwierig.

Nach dem Krankenhausaufenthalt ziehen beide zu Joys Mutter und deren Lebensgefährten Leo. Joys Vater kann Jack jedoch nicht akzeptieren, weil er aus einer Vergewaltigung hervorgegangen ist. Auch Jack fällt die Umstellung schwer, weshalb er zunächst nur mit seiner Mutter spricht und sich nach Raum zurücksehnt. Joy kämpft unterdessen mit der Wut über sieben verlorene Jahre und wirft ihrer Mutter vor, während ihrer Gefangenschaft normal weitergelebt zu haben. Ihre Depression verschlimmert sich, dennoch stimmt sie auf Anraten ihres Anwalts einem Fernsehinterview zu.

Darin fragt die Interviewerin, warum Joy Jack nach seiner Geburt nicht von Old Nick vor einem Krankenhaus ablegen ließ. Diese Frage verstärkt ihre Schuldgefühle, sodass sie einen Suizidversuch unternimmt. Während Joy erneut im Krankenhaus behandelt wird, bleibt Jack bei seiner Großmutter und Leo. Dort lernt er Leos Hund kennen, lässt sich erstmals die Haare schneiden und spielt mit einem Nachbarsjungen. Allmählich fasst er Vertrauen und nähert sich seiner Familie an. Als Joy zurückkehrt, möchte Jack Raum ein letztes Mal besuchen. Doch der Schuppen wirkt plötzlich kleiner als früher. Durch die offene Tür hat er seine bedrückende Bedeutung verloren. Schließlich verabschieden sich Mutter und Sohn gemeinsam und verlassen den Ort endgültig.

Filmkritik und Fazit zum Film „Raum“

Abrahamson vertraut in „Raum“ ganz auf Perspektive. Die erste Hälfte spielt fast ausschließlich auf neun Quadratmetern, und Danny Cohens Kamera sucht dort keine Enge-Effekte, sondern die Augenhöhe des Kindes. Das Oberlicht wird so zum Fluchtpunkt einer Wahrnehmung, die noch keinen Vergleich kennt. Brie Larson spielt die Mutter als jemanden, der jede Sekunde eine Fassade halten muss. Jacob Tremblay hält dagegen, ohne je vorführend zu wirken. Emma Donoghues Drehbuch verzichtet auf Erklärungen und lässt die Zuschauer die Umstände selbst zusammensetzen. Stephen Rennicks Musik bleibt zurückhaltend, und der Schnitt von Nathan Nugent hält die Übergänge ruhig.

Das Tempo folgt keiner Thrillerdramaturgie, obwohl der Stoff sie hergäbe. Wenn Jack seinen fünften Geburtstag feiert, klingt die Szene nach einem gewöhnlichen Kinderfest, und genau darin liegt ihre Schärfe. Wenn der Junge im Wandschrank liegt, während Old Nick den Raum betritt, genügen wenige Geräusche. Larsons Spiel verschiebt sich dabei von kontrollierter Sanftheit zu offener Erschöpfung. Die Bildsprache wechselt in der zweiten Hälfte spürbar, wird weiter, heller, unruhiger. Manches an der Rückkehr in die Gesellschaft folgt vertrauten Mustern des Genres. Die Nähe zu den Figuren trägt diese Passagen dennoch.

Für Freunde des ruhigen, figurenzentrierten Erzählkinos lohnt sich der Film. Wer Spannung aus Tempo bezieht, wird die zweite Hälfte lang finden. Abrahamson hält die Kamera dort, wo es unbequem bleibt, und verweigert jede Zuspitzung auf den Täter. Larson und Tremblay tragen zwei Erzählungen, die sich gegenseitig erklären. Die Auszeichnungen der Saison waren keine Überraschung. Wer Dramen über Bindung, Sprache und Wirklichkeit sucht, findet hier eine der genauesten Arbeiten dieser Jahre.