The Visit

Es gibt Regiekarrieren, die sich in Zyklen bewegen. Hollywood feiert einen Namen, verliert das Interesse und wartet dann auf die Rückkehr. M. Night Shyamalan hat diesen Kreislauf besonders deutlich durchlaufen. Mit „The Visit“ kehrte er 2015 zu kleinen Budgets und engen Räumen zurück. Der Film entstand unter dem Arbeitstitel Sundowning, und die Dreharbeiten wurden bewusst geheim gehalten. Für seinen Regisseur bedeutete das ein kalkuliertes Verkleinern der Mittel. Am Ende stand eine Produktion, die sich ihre Bedingungen selbst diktierte.

The Visit
Dauer: 94 Min.
FSK: ab 12 Jahren
Jahr:
Regie: M. Night Shyamalan
Produzenten: Jason Blum, Marc Bienstock, M. Night Shyamalan
Hauptdarsteller: Olivia DeJonge, Ed Oxenbould, Deanna Dunagan
Nebendarsteller: Peter McRobbie, Kathryn Hahn, Celia Keenan-Bolger
Studio: Discovery Global Mystery & Suspense
Sprachen: Deutsch, English

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Das Motiv des Familienbesuchs gehört zu den ältesten Bausteinen des Schauerkinos. Ein fremdes Haus, eine abgelegene Landschaft, zwei Generationen, die einander nie begegnet sind. Shyamalan verbindet dieses Grundmuster mit der Kamera als Erzählinstanz und lässt seine jugendlichen Figuren selbst filmen. Aus dem Dokumentationsvorhaben wird nach und nach eine Beweissammlung. Ob dieses Verfahren mehr ist als eine kostengünstige Konvention des Genres, entscheidet sich in den Nächten auf der Farm. Wie viel Wahrheit hält eine Familie überhaupt aus?

Besetzung, Drehorte & Infos

„The Visit“ ist ein US-amerikanischer Spielfilm aus dem Jahr 2015 mit einer Laufzeit von 94 Minuten. M. Night Shyamalan führte Regie, schrieb das Drehbuch und trat zugleich als Produzent auf. Die Kamera verantwortete Maryse Alberti, den Schnitt übernahm Luke Franco Ciarrocchi. Die Filmmusik stammt von Paul Cantelon. Der Soundtrack versammelt acht Titel, darunter zwei Aufnahmen von Enrico Caruso. Die deutsche Synchronisation entstand 2015 bei RC Production Kunze & Wunder, das Dialogbuch schrieb Tobias Neumann, die Synchronregie führte Dennis Schmidt-Foß.

Olivia DeJonge spielt die 15-jährige Rebecca, die den Besuch mit der Kamera dokumentiert. Ed Oxenbould übernimmt die Rolle ihres 13-jährigen Bruders Tyler. Kathryn Hahn ist als alleinerziehende Mutter Loretta Jamison zu sehen. Deanna Dunagan und Peter McRobbie verkörpern die Großeltern Marja Bella und Fredrick Spencer. In weiteren Rollen treten Jorge Cordova, Benjamin Kanes und Samuel Stricklen auf. Das Ensemble bleibt klein, weil die Handlung fast durchgehend im Farmhaus spielt. Die Erzählperspektive liegt über weite Strecken bei den beiden Geschwistern.

Gedreht wurde in Philadelphia, Pennsylvania, das Budget lag bei fünf Millionen US-Dollar. Shyamalan finanzierte den Film aus seiner Gage für After Earth. Weltweit spielte er bis Februar 2016 rund 98,4 Millionen US-Dollar ein. In Deutschland zählte man 524.584 Besucher, die FSK gab den Film ab zwölf Jahren frei. Deanna Dunagan gewann den Fright Meter Award als beste Nebendarstellerin. Ed Oxenbould war bei den Phoenix Film Critics Society Awards nominiert. Das Rolling-Stone-Magazin führte den Film auf Platz neun seiner Jahresliste.

Inhalt & Handlung vom Film „The Visit“

Loretta Jamison zieht ihre beiden Kinder allein groß. Als ihr neuer Freund Miguel sie jedoch zu einer Kreuzfahrt einlädt, ergibt sich für sie eine seltene Gelegenheit. Die 15-jährige Rebecca und der 13-jährige Tyler nehmen deshalb die Einladung ihrer Großeltern an und verbringen eine Woche auf dem Land. Kennengelernt haben die Geschwister die beiden allerdings nie. Denn fünfzehn Jahre zuvor war Loretta im Streit um ihren Freund Corin ausgezogen, ihren früheren Englischlehrer und den Vater der Kinder. Den Kontakt zu ihren Eltern hatte sie danach vollständig abgebrochen und zudem auf keinen Annäherungsversuch reagiert. Rebecca will die Reise unterdessen filmen, während Tyler ihr dabei assistiert. Schließlich fahren die Geschwister allein mit dem Zug von Philadelphia nach Masonville, Pennsylvania. Am Bahnhof warten bereits Oma Marja Bella und Opa Fredrick Spencer. Im abgelegenen Farmhaus verstehen sich alle vier zunächst gut.

Nach kurzer Zeit fällt den Kindern jedoch auf, dass mit den Großeltern etwas nicht stimmt. Eine Hausregel verbietet ihnen zudem, das Zimmer nach 21:30 Uhr zu verlassen. Trotzdem schleicht Rebecca schon in der ersten Nacht in die Küche, um sich ein paar Kekse zu holen. Dabei beobachtet sie, wie sich die Großmutter heftig erbricht. Am nächsten Tag spricht sie deshalb den Großvater darauf an. Er beruhigt sie jedoch und erklärt den Vorfall mit einem Magen-Darm-Infekt. Der Großvater selbst verschwindet unterdessen regelmäßig in der Scheune. Tyler sieht sich deshalb dort um und stößt dabei auf einen Berg vollgemachter Windeln. Die Großmutter erklärt ihm daraufhin, der Großvater sei inkontinent, es sei ihm peinlich, und deshalb verbrenne er die Windeln auf dem Feld. Somit liegt für jedes merkwürdige Verhalten zunächst eine scheinbar vernünftige Erklärung bereit.

Was die Kamera festhält

Beim Sichten des Materials machen die Geschwister eine verstörende Entdeckung. In der Nacht hat die Großmutter versucht, mit einem Küchenmesser in ihr Zimmer einzudringen. Rebecca und Tyler kontaktieren deshalb ihre Mutter und bitten sie, die beiden abzuholen. Loretta hält das zunächst für eine Überreaktion. Dann sieht sie die vermeintlichen Großeltern über die Webcam und erkennt zwei völlig fremde Menschen. Sie fordert ihre Kinder auf, das Haus sofort zu verlassen. Doch die beiden werden daran gehindert und zu einem Gesellschaftsspiel gezwungen. Der Familienbesuch ist endgültig zur Gefangenschaft geworden.

Rebecca entfernt sich unter einem Vorwand vom Spieltisch und sucht nach den echten Großeltern. Ihr Weg führt in den Keller, den die Kinder bislang nicht betreten durften. Dort entdeckt sie Kleidung einer Nervenheilanstalt, in der die Großeltern als ehrenamtliche Betreuer tätig waren. Kurz darauf findet sie deren Leichen. Der falsche Großvater überwältigt Rebecca und sperrt sie ins Schlafzimmer. Dort greift die falsche Großmutter sie an, doch Rebecca ersticht sie mit einer Spiegelscherbe. Damit ist die Täuschung endgültig aufgeflogen.

Nach dem Kampf stößt Tyler zu seiner Schwester. Gemeinsam überwältigen die Geschwister den falschen Großvater und laufen aus dem Haus. Draußen wartet ihre Mutter, die bereits die Polizei alarmiert hat. Damit endet die Woche auf der Farm im Ausnahmezustand. Die beiden Fremden hatten ihre Rollen bis zuletzt aufrechterhalten. Rebeccas Fund im Keller klärt schließlich das Schicksal der echten Großeltern. In der Endszene rappt Tyler humorvoll über die Erlebnisse und beendet den Film damit in einem unerwartet lockeren Ton.

Filmkritik und Fazit zum Film „The Visit“

„The Visit“ bezieht seine Wirkung aus einer einfachen Anordnung, denn Shyamalan stellt zwei Kinder mit einer Kamera in ein Haus, dessen Regeln niemand ausreichend erklärt. Maryse Albertis Bilder bleiben roh, weil die Figuren selbst filmen, und gerade dieser Verzicht auf Glätte erzeugt Nähe. Deanna Dunagan spielt die Großmutter mit einer Präzision, die zwischen Fürsorge und Bedrohung kaum eine Grenze zieht. Peter McRobbie übersetzt dagegen jede Auffälligkeit in bürgerliche Freundlichkeit. Gleichzeitig arbeitet das Drehbuch mit Erklärungen, die stets eine Spur zu glatt wirken und zunehmend Misstrauen wecken. Olivia DeJonge und Ed Oxenbould tragen die Erzählung dabei ohne einen erwachsenen Beobachter.

Das Tempo bleibt lange gemächlich, was der Versuchsanordnung zugutekommt. So verschiebt der nächtliche Gang in die Küche, bei dem Rebecca nur Kekse holen will, mit wenigen Einstellungen den Ton. Ähnlich funktioniert die Szene in der Scheune, in der Tyler auf etwas stößt, das ihm niemand plausibel erklären kann. Paul Cantelons Musik hält sich zurück, während eingespielte Songs das Geschehen kommentieren. Der Humor sitzt allerdings gelegentlich quer, denn Tylers Rap-Einlagen lösen die Anspannung im falschen Moment. Dadurch hält der Horrorthriller seine Komödienanteile nicht immer sauber vom Schrecken getrennt.

Für Freunde des klaustrophobischen Kammerhorrors lohnt sich dieser Besuch. Wer Found Footage grundsätzlich müde ist, findet in dem Film allerdings wenig Neues, weil die subjektive Kamera vor allem Vorwand bleibt. Seine Stärke liegt bei Dunagan und in einem Drehbuch, das die Auflösung geduldig vorbereitet. Fünf Millionen Dollar reichen offenbar, wenn Regie und Ensemble denselben Ton treffen. Genre-Liebhaber bekommen damit 94 Minuten, die ihre Wirkung im Kleinen suchen und meistens finden.