Tokat – Das Leben schlägt zurück

Der Dokumentarfilm „Tokat – Das Leben schlägt zurück“ beleuchtet das Leben dreier ehemaliger Bandenmitglieder aus Frankfurt am Main. Kerem, Dönmez und Hakan, die in den 90er Jahren für ihre kriminellen Aktivitäten berüchtigt waren, reflektieren über ihre bewegte Vergangenheit und die Konsequenzen ihres Handelns. Mit authentischen Interviews und eindrucksvollen Alltagsbeobachtungen zeichnet der Film ein Bild ihres damaligen Lebens. Die drei Männer erinnern sich an Gewalt, Drogen und die Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens in einer fremden Gesellschaft.

Tokat – Das Leben schlägt zurück Film Cover

Heute haben sich ihre Lebenswege stark verändert. Kerem lebt als chronisch kranker Frührentner, Dönmez arbeitet als abgeschobener Klempner in der Türkei, und Hakan fristet sein Dasein als heimatloser Bauer am Fuß des Ararat. Der Film zeigt nicht nur ihre aktuelle Lebenssituation, sondern auch die tiefen Spuren, die ihre Vergangenheit hinterlassen hat. Wie haben diese Männer ihr Leben nach solch turbulenten Jugendjahren neu gestaltet?

Besetzung, Drehorte & Infos

Der Dokumentarfilm „Tokat – Das Leben schlägt zurück“ aus dem Jahr 2018 unter der Regie von Andrea Stevens dauert 78 Minuten und hat eine Altersfreigabe von FSK 12. Das Drehbuch stammt von Cornelia Schendel und Andrea Stevens, die auch für die Produktion verantwortlich zeichnet. In den Hauptrollen spielen Hakan, Dömnez und Kerem sich selbst. Die Dreharbeiten fanden in Frankfurt am Main und Igdir, Türkei, statt. Lars Eichstaedt komponierte die Musik, während Cornelia Schendel, Veronika Paradiso und Kübra Aslangilay die Kameraarbeit übernahmen. Annette Kurzbach schnitt den Film.

Der Film wurde mit einem geschätzten Budget von 48.000 € realisiert und erhielt Förderung durch kulturMut, die Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein GmbH sowie die Hessische Filmförderung. Die Uraufführung fand am 2. April 2016 beim Lichter Filmfest in Frankfurt am Main statt, bevor er am 13. September 2018 in die deutschen Kinos kam. Der Titel „Tokat“ bedeutet wörtlich „Backpfeife“.

Inhalt & Handlung vom Film „Tokat – Das Leben schlägt zurück“

In den 90er Jahren fielen Jugendbanden verstärkt durch verschiedene Schlagzeilen auf: Sprayer, Drogendealer, Jackenräuber und Bandenmitglieder prägten das Stadtbild und die Medienberichterstattung. Gewalt und Kriminalität bestimmten ihren Alltag. Viele dieser Jugendlichen stammten aus Einwandererfamilien und kämpften mit sozialen und wirtschaftlichen Problemen. Ihr Ruf verbreitete sich rasant, und die Gesellschaft sah sie oft als Bedrohung. Doch was ist 20 Jahre später aus ihnen geworden?

Kerem, geboren in Siegen, Deutschland, ist heute 43 Jahre alt und war einst Bandenchef, Drogendealer, Totschläger und Heroinabhängiger. Mittlerweile ist er chronisch kranker Frührentner, verheiratet, jedoch kinderlos. Zusammen mit Dönmez und Hakan wuchs er als Immigrant aus dem ostanatolischen Dorf Bayat im Frankfurter Stadtteil Bornheim auf. Anfang der 90er Jahre machte ihre Jugendbande die Stadt unsicher durch Gewaltdelikte, die in lokalen und überregionalen Medien viel Aufmerksamkeit erhielten. Kerems Leben änderte sich drastisch durch seinen damaligen Heroinkonsum.

Die harten Realitäten der Abschiebung

Dönmez, 41 Jahre alt und in Frankfurt geboren, war ebenfalls Mitglied der Jugendbande, Drogendealer und Heroinabhängiger. Heute ist er ein abgeschobener Klempner, verheiratet und Vater eines Kindes. In die Türkei abgeschoben, lebt er nun dort und arbeitet in einer Apfelsaftfabrik. Er äußert, dass er lieber in Deutschland im Gefängnis sitzen würde als in Igdir zu leben. Diese Aussage spiegelt seine schwierige Lebenssituation wider und zeigt die Entwurzelung und Herausforderungen, die er bewältigen muss.

Hakan, 38 Jahre alt und in Bayat in der Osttürkei geboren, war in der Jugend ein Mitläufer und arbeitslos. Heute ist er Bauer und ebenfalls abgeschoben, lebt er am Fuß des Berges Ararat und ist heimatlos. Ledig und kinderlos, beschreibt er seine gegenwärtige Situation als trostlos, da er weder das Recht hat zu heiraten, Land zu kaufen noch zu arbeiten. Seine Geschichte verdeutlicht die Folgen der Abschiebung und die Schwierigkeiten, sich in einer neuen Umgebung ein neues Leben aufzubauen.

Filmkritik und Fazit zum Film „Tokat – Das Leben schlägt zurück“

Der Film „Tokat – Das Leben schlägt zurück“ eröffnet mit Fernsehbildern der 90er Jahre. Polizeiaktionen gegen Jugendgangs im Frankfurter Gallusviertel dominieren die Szene. Die martialischen Kampfansagen eines jungen Deutschtürken täuschen jedoch, denn der Film konzentriert sich hauptsächlich auf Gespräche. Kerem und seine Freunde Hakan und Dönmez, heute alle um die vierzig, blicken ohne nostalgische Verklärung auf ihre Jugend zurück. Drogenhandel und Gewalt prägten damals ihr Leben. Während sie abends 10.000 Mark für Kokain ausgaben, kämpfen sie heute mit Gelegenheitsjobs ums Überleben. Die Erzählungen bieten tiefe Einblicke.

Kerems Geschichte erweist sich als besonders verstörend. Seine Familie nutzte seine Drogensucht aus und stachelte ihn zu einem Rachemord an. Dieser endete in einem sinnlosen Mord an einem zufälligen Passanten. Die genauen Umstände und die Dauer seiner Haftstrafe bleiben vage. Der Film beantwortet viele Fragen nicht und bietet kaum Ortsangaben oder Erklärungen. Er fokussiert sich auf die Perspektive der Protagonisten, von denen zwei heute in der Türkei leben. Die Regisseurinnen schaffen es, intensive Einblicke in das Leben dreier Männer zu geben, die in Deutschland aufwuchsen, aber immer noch unverstanden bleiben. Kerems anhaltende Drohungen gegen eine verfeindete Familie hinterlassen den Zuschauer fassungslos. Stevens und Schendel verzichten auf moralische Belehrungen und bieten stattdessen differenzierte Einblicke in eine oft übersehene Parallelgesellschaft.

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