Chaos Walking

Eine Kolonie ohne Frauen, ein Planet ohne Stille. „Chaos Walking“ nimmt eine Idee aus der Jugendliteratur und stellt sie mitten in ein Science-Fiction-Setting. Jeder Gedanke der Männer ist sichtbar, hörbar, bunt und ununterbrochen im Umlauf. Doug Liman verfilmt damit den ersten Band einer Trilogie von Patrick Ness. Der Weg vom Dreh bis in die Kinos dauerte am Ende fast vier Jahre. Zwischen Montreal, Island und Atlanta liegt eine Produktionsgeschichte mit vielen Stationen. Auf der Leinwand ist davon einiges zu spüren.

Chaos Walking
Dauer: 109 Min.
FSK: ab 12 Jahren
Jahr:
Regie: Doug Liman
Produzenten: Doug Davison
Hauptdarsteller: Tom Holland, Daisy Ridley, Demián Bichir
Nebendarsteller: David Oyelowo, Kurt Sutter, Cynthia Erivo
Studio: 3 Arts Entertainment
Sprachen: Deutsch, English

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Science-Fiction lebt von Konzepten, die sich in Bilder übersetzen lassen. Der Lärm ist ein solches Konzept: eine Gesellschaft, in der Männer nichts verbergen können und Frauen deshalb als Bedrohung gelten. Tom Holland und Daisy Ridley tragen die Geschichte, Mads Mikkelsen liefert den Gegenspieler. Das Material hätte Stoff für eine ernsthafte Parabel über Kontrolle und Sichtbarkeit. Ob der Film dieses Versprechen einlöst, steht auf einem anderen Blatt. Wie erzählt man Gedankenlesen, ohne dass der Zuschauer den Überblick verliert?

Besetzung, Drehorte & Infos

„Chaos Walking“ entstand 2021 in den USA nach dem Roman The Knife of Never Letting Go, der auf Deutsch als New World: Die Flucht erschien. Regie führte Doug Liman, nachdem zeitweise Robert Zemeckis im Gespräch gewesen war. Als Drehbuchautoren werden Patrick Ness und Christopher Ford geführt; an der Adaption arbeiteten außerdem Gary Spinelli, Charlie Kaufman und Jamie Linden. Die Kamera übernahm Ben Seresin, den Schnitt Doc Crotzer. Die Musik stammt von Marco Beltrami und Brandon Roberts. Lionsgate hatte die Rechte bereits 2011 erworben.

Tom Holland spielt Todd Hewitt, den jüngsten Bewohner von Prentisstown. Daisy Ridley ist Viola, die mit einer Raumkapsel auf New World bruchlandet. Mads Mikkelsen verkörpert den Bürgermeister David Prentiss. Demián Bichir und Kurt Sutter sind als Todds Adoptivväter Ben Moore und Cillian Boyd zu sehen. Nick Jonas spielt Davy Prentiss junior, den Sohn des Bürgermeisters, David Oyelowo den militärischen Anführer Aaron. Cynthia Erivo übernahm die Rolle der Hildy, Óscar Jaenada die des Wilf. Holland und Ridley waren durch Marvel und Star Wars bereits einem großen Publikum bekannt.

Die Dreharbeiten begannen am 7. August 2017 in Montreal, weitere Aufnahmen entstanden im Vereinigten Königreich und in Island. Im November 2017 war der Dreh beendet. Nachdrehs verschoben sich wegen der Terminpläne von Holland und Ridley bis Mai 2019. Sie fanden dann in Atlanta unter Fede Álvarez statt, mit einem Budget von 15 Millionen US-Dollar. Der Film läuft 109 Minuten und ist ab zwölf Jahren freigegeben. Nach mehreren Verschiebungen startete er in Deutschland am 17. Juni 2021.

Inhalt & Handlung vom Film „Chaos Walking“

Im Jahr 2257 lebt Todd Hewitt in der Siedlung Prentisstown auf einem Planeten, den die Kolonisten New World nennen. Dort wächst er bei seinen Adoptivvätern Ben und Cillian auf einer Farm auf. Todd ist dabei der jüngste Bewohner und hat in seinem Leben noch nie eine Frau gesehen. Denn alle sind angeblich im Krieg gegen die Spackle gestorben, die Ureinwohner des Planeten, darunter auch Todds Mutter. Zudem sollen die Spackle ein Virus hinterlassen haben, seit dem jeder Mann die Gedanken aller anderen hört. Dieser Strom aus Bildern, Wörtern und Geräuschen heißt schlicht der Lärm. Dabei umkreist er jeden Kopf, Tag und Nacht. Geheimnisse scheint es deshalb in Prentisstown nicht zu geben. Still ist es dort somit niemals.

Das ändert sich jedoch, als ein Generationenschiff von der Erde eine Raumkapsel abwirft. Darin sitzt Viola, etwa so alt wie Todd, und sie hat keinen Lärm. Todd findet sie schließlich im Wald und meldet den Fund dem Bürgermeister David Prentiss. Der fängt Viola daraufhin mit einem Trugbild ein, das er aus seinem eigenen Lärm formt. Todd beherrscht diese Fähigkeit zwar ansatzweise, kann damit jedoch nur Tiere täuschen. Prentiss fürchtet unterdessen die Ankunft weiterer Kolonisten und plant deshalb, die gesamte Besatzung nach der Landung zu töten. Viola hört allerdings seine Gedanken mit und flieht daraufhin auf Todds Farm. Todd entscheidet sich schließlich, sie zu schützen. Gemeinsam brechen sie deshalb zur Nachbarsiedlung Farbranch auf, wo Viola ihr Schiff warnen will. Doch Prentiss und seine Männer nehmen die Verfolgung auf.

Ein Tagebuch verändert alles

Unterwegs verliebt sich Todd zunehmend in Viola, und sein Lärm erzeugt immer deutlichere Bilder von ihr. In Farbranch treffen beide auf eine Gemeinschaft aus Frauen, Männern und Kindern. Anders als in Prentisstown sind die Frauen und Mädchen dort frei vom Lärm. Ein Funkgerät gibt es allerdings nicht, weshalb die Bürgermeisterin sie nach Haven verweist. Im Tagebuch von Todds Mutter finden sie schließlich die Wahrheit: Prentiss ließ die Frauen von Wahrheit töten, während der Krieg gegen die Spackle nie stattfand. Auch das Virus ist erfunden, denn den Lärm gab es von Anfang an.

Prentiss fürchtet Menschen ohne Lärm, weil er sie weder lesen noch beherrschen kann. Kurz darauf erreicht er mit seinen Männern Farbranch und verlangt Violas Herausgabe. Ben verhilft den beiden jedoch zur Flucht. Sie erreichen die Ruine des ersten Expansionsschiffes und entdecken dort einen Notrufsender mit beschädigter Antenne. Todd repariert ihn und bringt ihn wieder zum Laufen. Als Prentiss eintrifft, stellt Todd ihn wegen der getöteten Frauen zur Rede. Daraufhin erschießt Prentiss Ben, während Viola ihren Funkspruch zum Generationenschiff sendet.

Zwischen Todd und Prentiss kommt es zum Kampf, den der Bürgermeister mit seinen Gedankentricks zunächst für sich entscheidet. Verletzt steht Todd am Rand eines Abgrunds, während Prentiss ihn erschießen will. Doch Todd erzeugt Abbilder seiner toten Mutter, die Prentiss mit seiner Schuld konfrontiert. Schließlich stößt Viola ihn in die Tiefe des Wracks. Kurz darauf landet das gerufene Raumschiff. Todd erwacht genesen an Bord, während Viola neben ihm sitzt. Gemeinsam beobachten sie, wie die neuen Kolonisten die Besiedlung vorbereiten, und fragen sich, wie diese Menschen mit dem Lärm zurechtkommen werden.

Filmkritik und Fazit zum Film „Chaos Walking“

„Chaos Walking“ hat ein starkes Konzept und ein schwaches Drehbuch. Der Lärm wird als flirrende Wolke aus Gesichtern, Silben und Farbschlieren um die Köpfe gelegt, ein visuell reizvoller Einfall, der nach zwanzig Minuten seine Neugier verbraucht hat. Doug Liman inszeniert die Verfolgung durch die Wälder zügig, ohne den Figuren Raum zu geben. Tom Holland spielt Todd mit ehrlicher Unbeholfenheit, Daisy Ridley bleibt in einer Rolle stecken, die vor allem reagieren darf. Mads Mikkelsen gibt dem Bürgermeister eine kalte Ruhe und rettet damit mehrere Szenen. Ben Seresins Kamera findet in den isländischen Landschaften Bilder, die größer wirken als der Film.

Das Tempo ist gleichmäßig hoch, was hier gegen den Film arbeitet. Die 109 Minuten hetzen von Station zu Station, ohne dass die Welt Kontur gewinnt. Zwei Szenen zeigen, was möglich gewesen wäre: die erste Begegnung im Wald, in der Todd panisch versucht, seine Gedanken zu verbergen, und die Ankunft in Farbranch, wo Kinder über die Straße laufen und Todd sprachlos danebensteht. Die Musik von Marco Beltrami und Brandon Roberts untermalt zuverlässig, ohne eigenes Profil. Das Sounddesign leistet die eigentliche Arbeit, weil es dem Lärm eine Textur gibt. Die Nachdrehs von 2019 sind an mehreren Schnittstellen zu erahnen.

Für Science-Fiction-Liebhaber lohnt sich der Film nur bedingt. Wer die Bücher kennt, wird die Verkürzungen bemerken. Wer eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Kontrolle und Transparenz erwartet, sollte anderswo suchen. Als solide gebautes Jugendabenteuer mit einer starken Idee und drei sehenswerten Darstellern funktioniert er trotzdem. Die Landschaftsaufnahmen aus Island und die Idee des Lärms bleiben im Gedächtnis, die Figuren dagegen kaum. Ein Abend im Kino ist er wert, ein zweiter kaum.