Der Goldene Handschuh

Hamburg-St. Pauli hatte in den siebziger Jahren viele Gesichter. Eines davon trug den Namen einer Kneipe am Hamburger Berg, gegründet 1953 von einem Profiboxer. Wer dort eintrat, ließ die Uhrzeit und meist auch den Anspruch auf Würde draußen. Heinz Strunk hat diesem Ort 2016 einen Roman gewidmet, für den er den Wilhelm-Raabe-Literaturpreis erhielt. Fatih Akin übersetzte die Vorlage ins Kino und nannte seinen Film „Der Goldene Handschuh„. Der Stoff verweigert jede Verklärung. Er führt in ein Milieu, das die Nachkriegsgesellschaft lieber übersehen hätte.

Der goldene Handschuh
Dauer: 110 Min.
FSK: ab 18 Jahren
Jahr:
Regie: Fatih Akin
Produzenten: Fatih Akin, Herman Weigel, Nurhan Sekerci-Porst
Hauptdarsteller: Jonas Dassler, Margarete Tiesel, Katja Studt
Nebendarsteller: Marc Hosemann, Tristan Göbel, Uwe Rohde
Studio: Warner Bros.
Sprachen: Deutsch, English

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Wahre Kriminalfälle haben im deutschen Kino Konjunktur, meist in gedämpftem Licht und mit versöhnlichem Ausgang. Akin wählte den umgekehrten Weg. Sein Film sucht die Nähe zu Figuren, vor denen jeder Instinkt zurückweicht. Der Roman von Strunk hatte dafür die Innensicht des Täters, das Kino besitzt sie nicht. Zwischen Vorlage und Verfilmung liegt eine Verschiebung, die den ganzen Film prägt. Was bleibt also übrig, wenn die Kamera das zeigt, was Leser sich nur vorstellen mussten?

Besetzung, Drehorte & Infos

„Der Goldene Handschuh“ entstand nach dem gleichnamigen Roman von Heinz Strunk, der 2016 bei Rowohlt in Reinbek erschien. Regie führte Fatih Akin. Die Dreharbeiten begannen am 2. Juli 2018 in Hamburg, dem Schauplatz der literarischen Vorlage. Als Produzenten traten bombero international, Warner Bros. Filmproduction Germany und Pathé auf. Der deutsche Kinostart folgte am 21. Februar 2019. Strunk hatte sein Buch als Tatsachenroman bezeichnet und überwiegend aus der Täterperspektive erzählt.

Die Hauptrolle des Fritz Honka übernahm Jonas Dassler. Er spielt einen kleinwüchsigen Hilfsarbeiter, den Misshandlungen entstellt haben und der später als Wachmann arbeitet. Um diese Figur gruppiert sich ein dicht besetztes Umfeld. Margarethe Tiesel spielt Gerda Voss, die Gelegenheitsprostituierte, die eine Zeitlang bei Honka wohnt. Sein Bruder Siggi kümmert sich um ihn, der frühere Profiboxer Herbert Nürnberg steht als Wirt hinter dem Tresen. Katja Studt spielt die Putzfrau Helga Denningsen, die zu Honkas Objekt der Begierde wird. Max Hopp übernimmt die Rolle des Erich Denningsen. Martina Eitner-Acheampong spielt Frida, Hark Bohm Doornkaat-Max und Simon Goerts Anus. Jessica Kosmalla ist als Ruth zu sehen, Barbara Krabbe als Anna, Herma Koehn als Hertha und Tilla Kratochwil als Inge. Ein zweiter Erzählstrang gehört der Reederfamilie von Dohren und dem Anwalt Karl von Lützow.

Gedreht wurde in Hamburg, wo der Stoff seine Adressen hat. Die Kneipe am Hamburger Berg Nr. 2 öffnete 1953, gegenüber liegt der Elbschlosskeller. Honkas Wohnung lag in der Zeißstraße, die Familie von Dohren residiert an der Elbchaussee. Sein späterer Arbeitsplatz befindet sich in der City Nord. Auszeichnungen sammelte zunächst die Vorlage. Sie erhielt 2016 den Wilhelm-Raabe-Literaturpreis und stand auf der SWR-Bestenliste. Strunk hatte für die Recherche die Prozessakte eingesehen, die der Öffentlichkeit zuvor verschlossen war.

Inhalt & Handlung vom Film „Der Goldene Handschuh“

Hamburg, 1971: Auf dem Gelände einer stillgelegten Schokoladenfabrik werden Leichenteile gefunden. Die Tote heißt Gertraud B., doch der Verdacht gegen ihren früheren Freund Winfried Schuldig bleibt unbeweisbar. Drei Jahre später sitzt Fritz Honka, genannt Fiete, in seiner Hamburger Stammkneipe. Der alkoholabhängige Gelegenheitsarbeiter trinkt täglich Fanta mit Korn und hört Schlager von Salvatore Adamo. Dort lernt er die obdachlose Gerda Voss kennen, deren gesamte Habe in einen Beutel passt. Er nimmt sie mit in seine Wohnung in der Zeißstraße, während die wohlhabende Reederfamilie von Dohren an der Elbchaussee zu Abend isst.

Während Vater und Sohn die Reederei führen, leidet der Enkel unter seiner erwachenden Sexualität. Das Noonan-Syndrom prägt sein Äußeres, weshalb gleichaltrige Mädchen ihn meiden. Nach außen wahrt die Familie ihre bürgerliche Fassade, obwohl sich ihre Mitglieder gegenseitig hassen. Ihr Vermögen stammt aus der Enteignung eines jüdischen Reeders, doch inzwischen droht der Konkurs. Unterdessen entwickelt sich das Zusammenleben von Honka und Gerda zum Dauerrausch. Sex gegen Unterkunft lautet ihre Abmachung. Honka nimmt ihr den Ausweis ab und sperrt sie ein. Als sie heimlich Alkohol trinkt, schlägt er sie so brutal, dass ihr Gebiss zerbricht.

Zwischen Tresen und Mansarde

Karl von Lützow, Anwalt und Schwiegersohn der von Dohrens, führt ein Doppelleben voller Alkohol und sexueller Gewalt. Dabei erniedrigt er bevorzugt körperlich beeinträchtigte Frauen. Unterdessen kocht Gerda für Honkas Bruder Siggi, doch der Abend endet im Filmriss. Anschließend zwingt Honka sie, schriftlich auf ihren freien Willen zu verzichten und ihm ihre Tochter Rosi zuzuführen. Im Goldenen Handschuh führt das wetterbedingte Ausbleiben der Prostituierten zu einer Massenschlägerei unter englischen Matrosen. Währenddessen muss Gerda in einer Fischfabrik arbeiten, obwohl Honka ihren gesamten Lohn einbehält.

Nach einem Arbeitsunfall liegt Honka wochenlang im Krankenhaus. Währenddessen empfängt Gerda Freier aus dem Elbschlosskeller und verwandelt die Wohnung in ein Bordell. Schließlich fährt sie mit einem Mann nach Hannover und verschwindet. Honka findet dagegen eine Stelle als Wachmann bei Shell in der City Nord, verdient regelmäßig Geld und trinkt weniger. Er besucht den Tierpark und unternimmt eine Hafenrundfahrt. Bald interessiert er sich für die verheiratete Putzfrau Helga Denningsen. Auf einer Betriebsfeier erzählt er jedoch betrunken von seiner Flucht aus der DDR und einem Bauern, der ihn damals zurückließ.

Seine Eifersucht auf Helgas Ehemann steigert sich zu Mordphantasien. Als er sie bedrängt, entkommt sie knapp. Die Zurückweisung weckt Erinnerungen an frühere Demütigungen und treibt Honka zurück in seine alten Gewohnheiten. In seiner Wohnung lebt er mit einer Plastikpuppe. Später bringt er Inge und Herta mit, doch Herta flieht durchs Toilettenfenster. Den Verwesungsgeruch schiebt er auf seine griechischen Nachbarn, obwohl hinter einer Holzverkleidung Leichenteile liegen. Anna erwürgt er, während auch Frieda und Ruth sterben. Ein Brand am 17. Juli 1975 enthüllt die Verbrechen. Das Urteil fällt 1976, Honka stirbt 1998.

Filmkritik und Fazit zum Film „Der Goldene Handschuh“

Akin inszeniert „Der Goldene Handschuh“ als Studie auswegloser Enge. Dabei verweilt die Kamera auf Gesichtern, klebrigen Tresen und verrauchten Tapeten. Jonas Dassler spielt Honka, ohne die Figur erträglich machen zu wollen. Das ist beeindruckend, zugleich aber die Schwäche der Verfilmung. Denn während der Roman Einblick in die Gedanken des Täters gewährt, bleibt dessen Innenleben im Film verborgen. Das Publikum muss deshalb selbst ergründen, was Honka antreibt. Dadurch geht jedoch ein Teil jener Tragik verloren, die der literarischen Vorlage ihre besondere Wirkung verleiht.

Das Tempo folgt dem Trinken statt der Dramaturgie. Szenen ziehen sich hin, sodass Zuschauer wie Figuren das Zeitgefühl verlieren. Besonders stark ist der Film jedoch, wenn er die Frauen ernst nimmt. Ein gemeinsames Abendessen in der Mansarde wirkt deshalb länger nach als manche Gewaltszene. Ebenso eindrücklich bleibt die Kneipennacht, während draußen ein Orkan tobt und drinnen die Spannungen wachsen. Auch die Ausstattung überzeugt, denn sie trifft die siebziger Jahre bis in die Farbtemperatur. Wer allerdings den Roman kennt, vermisst dessen Wortwitz, der das Grauen zeitweise erträglicher machte.

Ein leichter Film ist das nicht, und er will es auch nicht sein. Wer Milieustudien schätzt und harte Gewaltdarstellung aushält, findet hier eine der konsequentesten deutschen Produktionen der letzten Jahre. Wer Erklärungen sucht, geht leer aus. Der Film erklärt Honka nicht, er stellt ihn aus. Für Freunde radikaler Stoffe lohnt sich der Kinobesuch, für alle anderen bleibt der Roman der bessere Weg. Nach dem Abspann bleibt kein Trost, sondern ein sehr genauer Blick auf eine vergessene Unterschicht.