Das perfekte Geheimnis
Ein Abendessen, sieben Freunde, sieben Telefone. Mehr braucht es kaum, damit ein Wohnzimmer zur Versuchsanordnung wird. Bora Dagtekin verlegt mit „Das perfekte Geheimnis“ eine europäische Erfolgsidee in eine Münchner Altbauwohnung. Der Film gehört zu jenen Kammerspielen, die ihre Spannung aus Gesprächen ziehen statt aus Bewegung, aus Andeutungen statt aus Ereignissen. Die Kamera bleibt über weite Strecken am langen Tisch, während sich die Biografien der Figuren allmählich verschieben. Über allem steht der Mond, der sich an diesem Abend verfinstert. Das Bild ist deutlich gewählt.
| Dauer: | 115 Min. |
|---|---|
| FSK: | ab 12 Jahren |
| Jahr: | 2019 |
| Regie: | Bora Dagtekin |
| Produzenten: | Bora Dagtekin, Lena Schömann |
| Hauptdarsteller: | Wotan Wilke Möhring, Jessica Schwarz, Elyas M'Barek |
| Nebendarsteller: | Karoline Herfurth, Frederick Lau, Jella Haase |
| Studio: | Constantin Film |
| Sprachen: | Deutsch, English |
Vertrauen ist ein Wort, das sich leicht aussprechen lässt. Schwerer wiegt die Frage, was davon übrig bleibt, wenn jede eingehende Nachricht öffentlich wird. Dagtekin greift eine Prämisse auf, die weltweit dutzendfach neu verfilmt wurde, und schneidet sie auf deutsche Gegenwartsbeziehungen zu. Sein Ensemble kennt sich aus früheren Arbeiten, was dem Abend eine eigentümliche Vertrautheit gibt. Die Anordnung ist simpel, die Fallhöhe erheblich. Wie viel Wahrheit verträgt eine Freundschaft, die seit fünfundzwanzig Jahren hält?
Besetzung, Drehorte & Infos
„Das perfekte Geheimnis“ entstand 2019 in Deutschland und beruht auf Paolo Genoveses italienischer Vorlage Perfetti Sconosciuti aus dem Jahr 2016. Regie und Drehbuch übernahm Bora Dagtekin, für den es die erste Adaption eines fremden Stoffes war. Die Kamera führte Moritz Anton, mit dem Dagtekin bereits bei Fack ju Göhte gearbeitet hatte. Den Schnitt verantwortete Sabine Panek. Die Musik stammt von Egon Riedel, Simon Heeger und Christian Vorländer. Ihr Score bleibt zurückhaltend und begleitet die Dialoge, statt sie zu überlagern.
Das Ensemble versammelt bekannte Namen des deutschen Kinos. Elyas M’Barek und Karoline Herfurth wurden als Ehepaar Keschwari besetzt, nachdem sie schon in den Fack-ju-Göhte-Filmen ein Paar gespielt hatten. Jessica Schwarz und Wotan Wilke Möhring überzeugten im Casting als Ehepaar Koch; Schwarz beschrieb ihre Eva als Antagonistin des Films. Emily Kusche spielt deren Filmtochter Sophie. Florian David Fitz, Jella Haase und Frederick Lau vervollständigen die Runde. Katja Riemann, Alexandra Maria Lara und Kida Khodr Ramadan sind nur als Telefonstimmen zu hören.
Produziert hat die Constantin Film, Dagtekin und Lena Schömann fungierten zugleich als Produzenten. Gedreht wurde vom 18. Januar bis zum 28. März 2019. Die Altbauwohnung entstand als Kulisse im Studio 12 der Bavaria-Filmstudios, dazu kamen Außenmotive in München und die Lagerfeuerszene in Geretsried. Der Film läuft 115 Minuten und ist ab zwölf Jahren freigegeben. Der Kinostart war der 31. Oktober 2019. Ausgezeichnet wurde er mit dem Bambi und dem Sonderpreis des Deutschen Filmpreises als besucherstärkster Film.
Inhalt & Handlung vom Film „Das perfekte Geheimnis“
Eva und Rocco laden Freunde zum Abendessen in ihre Münchner Dachgeschosswohnung. Zuvor streitet Therapeutin Eva mit Tochter Sophie, weil sie Kondome in deren Tasche gefunden hat. Sophie will zu Freund Mike und fühlt sich deshalb bevormundet. Rocco versucht zu vermitteln, während auf seinem Handy freizügige Selfies einer Bekannten eintreffen. Eva misstraut ihm ohnehin bereits. Kurz darauf kommen Carlotta und Leo. Er gab seinen Beruf als Bauzeichner für die Familie auf, hadert jedoch mit seiner Hausmannrolle. Sie arbeitet dagegen als Werbetexterin, kommt häufig spät heim und hat deshalb zu ihren Zwillingen wenig Nähe.
Auch Tierheilpraktikerin Bianca und Lebenskünstler Simon kommen, denn die beiden sind frisch verliebt. Bianca kennt seine alten Freunde allerdings kaum und fühlt sich gelegentlich belächelt. Zuletzt erscheint Gymnasiallehrer Pepe allein, weil Freundin Anna angeblich krank ist. Auf dem Balkon stellt er ein Teleskop für die angekündigte Mondfinsternis auf. Beim Wein und Roccos ungenießbarem Essen sprechen alle über Ehrlichkeit, woraufhin Eva ein Spiel vorschlägt: Sämtliche Nachrichten, Anrufe und Fotos ihrer Handys sollen alle sehen. Carlotta und Bianca sind begeistert, während die Männer zögern. Allerdings wird der vermeintlich harmlose Zeitvertreib schnell zur Zerreißprobe.
Ein Spiel mit offenen Displays
Leo hat eine Affäre mit einer Spielplatzbekanntschaft und erwartet deshalb ein freizügiges Foto. Um seine Untreue zu verbergen, tauscht er heimlich mit Pepe die Handys. Als dessen Kontakt Hannes zweideutige Nachrichten schickt, hält die Runde Leo für bisexuell. Aus Angst vor der Entdeckung seiner Affäre widerspricht er jedoch nicht. Die Freunde reagieren verständnislos, während Carlotta erschüttert zur Flasche greift. Kurz darauf trifft eine eindeutige Sprachnachricht ihrer Kollegin ein, weshalb Carlotta ein Drogenproblem gesteht, das der berufliche Druck über Monate ausgelöst hat. Schließlich beendet Pepe die Farce und gibt den Handytausch zu.
Außerdem offenbart Pepe seine lange verschwiegene Homosexualität, weshalb ihn an seiner Schule ein Vater anfeindet. Von den Freunden hatte er dasselbe Unverständnis befürchtet, das gerade Leo traf. Während alle die Enthüllung verarbeiten, erhält Simon einen Anruf: Seine Kollegin ist von ihm schwanger. Bianca ist deshalb zutiefst verletzt und trennt sich sofort. Eva, die selbst heimlich eine Affäre mit Simon unterhält, ohrfeigt ihn abseits der anderen und beendet ebenfalls die Beziehung. Schließlich verlassen die Gäste die Wohnung getrennt voneinander.
Eva und Rocco bleiben zurück und versöhnen sich auf dem Balkon, ohne dass Eva ihre Affäre erwähnt. Später finden auch Leo und Carlotta wieder zusammen, wobei sie ihre Rollen tauschen: Er nimmt ein Jobangebot an, während sie sich ganztags um die Kinder kümmert. Um Pepe ihre Freundschaft zu beweisen, verprügeln Rocco, Leo und Simon den Vater seines Schülers. Daraufhin lenkt der Mann ein und beendet den Konflikt. Die vier Jugendfreunde versöhnen sich und fahren gemeinsam weg. Unterwegs klingelt jedoch Roccos altmodisches Zweithandy. Als die anderen raufend danach greifen, wirft er es kurzerhand in die Isar.
Filmkritik und Fazit zum Film „Das perfekte Geheimnis“
Dagtekin inszeniert „Das perfekte Geheimnis“ konsequent als Kammerspiel und bleibt damit dicht an der Vorlage. Sein Regieansatz, weitgehend chronologisch und mit langen Proben zu drehen, zahlt sich im Zusammenspiel des Ensembles aus. Moritz Antons Kamera umkreist den langen Tisch in ruhigen Fahrten, gedeckte Pastelltöne halten den Raum warm, kontrolliert und ein wenig zu glatt. Die Entscheidung, eingehende Nachrichten nicht ins Bild zu blenden, erweist sich als klug. Man liest die Gesichter, nicht die Displays. Das Drehbuch verteilt seine Pointen sauber über sieben Rollen, bleibt dabei aber über weite Strecken erkennbar dem Original verpflichtet.
Das Tempo ist hoch, die Schnittfolge treibt die Wortwechsel voran, ohne den Figuren Luft zu lassen. Genau hier liegt die Schwäche: Wo das Original seine Leute mit spürbarer Lust entlarvt, sortiert die deutsche Fassung ihre Enthüllungen brav der Reihe nach. Der Score bleibt fast unhörbar, dafür arbeiten die individuellen Klingeltöne als eigenes Erzählmittel. Stark ist der Prolog am Lagerfeuer an der Isar, der die Freundschaft in wenigen Bildern grundiert. Auch der Blick durch Pepes Teleskop auf den Blutmond sitzt. Die Schlusskurve gerät dagegen sehr versöhnlich und nimmt der Anordnung ihre Schärfe.
Wer die italienische Vorlage oder eine ihrer Neuverfilmungen nicht kennt, bekommt einen pointierten Abend mit einem sehr sicher spielenden Ensemble. Wer sie kennt, wird wenig Neues entdecken. Für Liebhaber der Ensemblekomödie lohnt der Film trotzdem, weil er sein Handwerk beherrscht und die Dialoge sitzen. Wer das bösere, offenere Ende sucht, greift besser zum Original. Als Kinoabend funktioniert er, als eigenständige Interpretation bleibt er hinter seinen Möglichkeiten.

