Wind River
Der Westen ist im amerikanischen Kino nie nur eine Himmelsrichtung gewesen. Er steht für Grenzen, für Landnahme und für alles, was dabei unter den Tisch fiel. Taylor Sheridan schloss mit „Wind River“ seine American-Frontier-Trilogie ab, nach Sicario und Hell or High Water. Es war zugleich sein erster Studiofilm als Regisseur. Die Weltpremiere fand am 21. Januar 2017 beim Sundance Film Festival statt. In Cannes erhielt er wenige Monate später den Regiepreis der Sektion Un Certain Regard. Ein Vorspann nennt wahre Begebenheiten als Inspiration.
| Dauer: | 107 Min. |
|---|---|
| FSK: | ab 16 Jahren |
| Jahr: | 2017 |
| Regie: | Taylor Sheridan |
| Produzenten: | Elizabeth A. Bell, Peter Berg, Matthew George |
| Hauptdarsteller: | Elizabeth Olsen, Eric Lange, Gil Birmingham |
| Nebendarsteller: | Hugh Dillon, Jon Bernthal, Graham Greene |
| Studio: | Viacom |
| Sprachen: | Deutsch, English |
Sheridan verbrachte in seinen Zwanzigern viel Zeit in einem Reservat, weil einer seiner engsten Freunde dort aufgewachsen war. Aus dieser Nähe entstand ein Stoff über die Frage, wie die USA mit ihren indigenen Bewohnern umgehen. Die Stämme der Arapahoe und Schoschonen lasen das Drehbuch gegen, einige Bewohner traten als Statisten auf. Ein Kriminalfall bildet den Rahmen, das eigentliche Thema liegt darunter. Wie ermittelt man in einem Gebiet, für das nicht einmal eine Vermisstenstatistik existiert?
Besetzung, Drehorte & Infos
„Wind River“ ist eine Produktion aus den USA, Großbritannien und Kanada aus dem Jahr 2017 mit einer Laufzeit von 107 Minuten. Der Alternativtitel lautet „Wind River, Tod im Schnee“. Taylor Sheridan führte Regie und schrieb das Drehbuch. Die Musik komponierten Nick Cave und Warren Ellis, ihr Soundtrack umfasst 23 Titel und erschien am 4. August 2017 bei Lakeshore Records. Hinter der Kamera stand Ben Richardson, den Schnitt übernahm Gary Roach. Die Academy nahm die Filmmusik in die engere Auswahl für die Oscarnominierungen 2018 auf.
Jeremy Renner spielt Cory Lambert, einen Mitarbeiter des United States Fish and Wildlife Service. Elizabeth Olsen verkörpert die FBI-Agentin Jane Banner. Kelsey Asbille ist als Natalie Hanson zu sehen, Gil Birmingham als deren Vater Martin. Martin Sensmeier spielt Chip, Julia Jones und Teo Briones Lamberts Frau Wilma und den Sohn Casey. Graham Greene übernimmt den Chef der örtlichen Polizei. Matthew Del Negro, Hugh Dillon und Tantoo Cardinal ergänzen die Besetzung. Die deutsche Fassung entstand bei der Berliner Synchron unter der Dialogregie von Lutz Riedel.
Gedreht wurde in Park City in Utah, wo der Film später auch seine Premiere feierte. Wegen des hohen Schnees ließen sich keine Kameraschienen verlegen, weshalb Ben Richardson auf Handkameras zurückgriff. Die FSK gab den Film ab sechzehn Jahren frei. Nach Vorführungen in Cannes, Karlovy Vary und Sydney kam er am 4. August 2017 in die US-Kinos, der deutsche Start folgte am 8. Februar 2018. In Karlovy Vary gewann der Film den Publikumspreis, Jeremy Renner erhielt dort den Preis des Präsidenten.
Inhalt & Handlung vom Film „Wind River“
Cory Lambert arbeitet als Wildhüter im Indianerreservat Wind River in Wyoming. Als Weißer ist er dort für den United States Fish and Wildlife Service tätig und jagt dabei vor allem Raubtiere, die den Viehbestand gefährden. Auf der Pirsch entdeckt er schließlich im Schnee die barfüßige Leiche der 18-jährigen Natalie. Das indigene Mädchen war zudem die beste Freundin seiner verstorbenen Tochter. Zur Untersuchung entsendet das FBI deshalb die in Las Vegas stationierte Agentin Jane Banner. Auf das winterliche Wetter sowie auf die Menschen vor Ort ist sie jedoch nur unzureichend vorbereitet. Die soziale Lage im Reservat ist außerdem von Perspektivlosigkeit, Armut, ethnischen Konflikten und sexualisierter Gewalt geprägt. Der Chef der Stammespolizei verfügt dabei über sechs Beamte für ein Gebiet von mehr als 3000 Quadratkilometern.
Weil Banner sich in der Gegend nicht auskennt, heuert sie Lambert deshalb als Führer an. Dabei erzählt er ihr von seiner eigenen Tochter, die drei Jahre zuvor unter ungeklärten Umständen in der Wildnis starb. Die Ungewissheit quält ihn bis heute und hat deshalb seine Ehe mit der indigenen Wilma zerrüttet. Der örtliche Pathologe stellt schließlich fest, dass Natalie niedergeschlagen und mehrfach vergewaltigt wurde. Anschließend muss sie durch die eisige Kälte geflohen sein, bis schließlich eine Lungenblutung ihren Tod verursachte. Banner ermittelt zudem, dass Natalie einen weißen Freund namens Matt hatte, der bei einem Ölbohrunternehmen arbeitete. Für Lambert wird der Fall dadurch zu einer sehr persönlichen Angelegenheit. Bei der Verfolgung einer Spur in den Bergen finden die beiden schließlich Matts Leiche.
Was im Schnee begann
Am nächsten Tag fährt Banner mit dem Polizeichef und zwei Männern zu Matts Wohnwagen auf dem Bohrgelände. Dort eskaliert die Lage mit der bewaffneten Wachmannschaft, nachdem deren Leiter plötzlich Täterwissen preisgibt. Lambert sucht währenddessen jedoch in der Umgebung weiter nach Spuren. Eine Rückblende zeigt schließlich Natalies Todesnacht. Matt teilt den Wohnwagen mit Pete und dem Wachleiter. Als deren betrunkene Kollegen unerwartet zurückkehren, belästigt Pete Natalie. Daraufhin kommt es zur Schlägerei, bei der fünf Männer Matt überwältigen. Pete vergewaltigt Natalie, während die anderen zusehen. Matt kann sich zwar kurz befreien, doch Natalie flieht dünn bekleidet und barfuß in die eisige Wildnis.
In der Gegenwart entdeckt Lambert schließlich eine Schneemobilspur vom Fundort von Matts Leiche zum Bohrgelände. Seine Funkwarnung kommt jedoch bereits zu spät. Am Wohnwagen bricht daraufhin eine Schießerei aus, bei der die Polizisten sterben. Banner überlebt dagegen schwer verletzt dank ihrer schusssicheren Weste. Lambert erschießt aus großer Entfernung vier Wachleute. Lediglich Pete kann jedoch verletzt fliehen. Anschließend versorgt Lambert die Agentin notdürftig. Banner schickt Lambert anschließend hinter Pete her, obwohl sie weiß, dass er ihn nicht festnehmen wird.
Lambert findet ihn schließlich im verschneiten Wald und bringt ihn auf einen Bergkamm. Dort gesteht Pete sowohl die Vergewaltigung Natalies als auch den gemeinschaftlichen Mord an Matt. Lambert lässt ihn daraufhin mit demselben Vorsprung laufen, den auch Natalie hatte. Barfuß bricht Pete jedoch nach wenigen hundert Metern zusammen und stirbt. Nach einem Krankenhausbesuch sucht Lambert schließlich Natalies Vater Martin auf. Dieser trägt sein selbst erfundenes Totengesicht und denkt an Suizid. Ein Anruf seines Sohnes Chip aus dem Gefängnis hält ihn jedoch davon ab. Der Abspann verweist schließlich auf die fehlende Vermisstenstatistik indigener Frauen.
Filmkritik und Fazit zum Film „Wind River“
„Wind River“ nutzt die Form des Kriminalfalls, um von einem Ort zu erzählen, den das Kino selten zeigt. Taylor Sheridan verzichtet auf Ermittlerroutine und lässt die Landschaft die Arbeit des Antagonisten übernehmen. Ben Richardsons Handkamera hält den Schnee als weiße Fläche fest, in der jede Spur zählt. Jeremy Renner spielt Cory Lambert mit einer Ruhe, unter der die eigene Trauer beständig arbeitet. Elizabeth Olsen gibt der Agentin Banner die Verlegenheit einer Frau, die weiß, dass sie hier fremd ist. Gil Birmingham hat in der Rolle des Vaters die schwerste Szene des Films.
Das Tempo bleibt lange gedehnt, bis die Erzählung in ein Stakkato kippt. Die erste Begegnung von Lambert und Banner am Fundort zeigt die Distanz zwischen Behörde und Reservat ohne ein Wort der Erklärung. Ähnlich präzise arbeitet die Szene beim Polizeichef, der sein riesiges Gebiet mit sechs Beamten verwalten soll. Nick Cave und Warren Ellis liefern eine Musik aus tiefen Streichern und wenigen Tönen, die sich nie in den Vordergrund drängt. Der Schnitt von Gary Roach setzt die Rückblende an genau die richtige Stelle. Als Thriller mit Westernanleihen ist der Film ungewöhnlich streng gebaut.
Für Freunde langsam anziehender Thriller lohnt sich dieser Film vom ersten Bild an ohne jede Einschränkung. Wer schnelle Ermittlungsarbeit sucht, wird die ersten vierzig Minuten möglicherweise als zäh empfinden. Die Stärke liegt in der Verbindung von Landschaftsbild und Sozialstudie, die einander über den ganzen Film gegenseitig tragen. Renner und Olsen halten die Spannung über die volle Distanz, ohne sie je zu forcieren. Genre-Liebhaber bekommen 107 Minuten, die noch sehr lange nachwirken.

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