Der letzte Kaiser

Die Verbotene Stadt in Peking war jahrhundertelang für gewöhnliche Menschen verschlossen. 1986 öffnete sie sich für ein europäisches Filmteam, das dort einen chinesischen Lebenslauf verfilmte. „Der letzte Kaiser“ erzählt von Puyi, der als Zweijähriger auf den Thron kam und als Gärtner starb. Bernardo Bertolucci führte Regie, Vittorio Storaro stand an der Kamera. Die Musik schrieben Ryūichi Sakamoto, David Byrne und Cong Su. Bei der Oscarverleihung 1988 gewann der Film in jeder nominierten Kategorie. Neun Trophäen standen am Ende auf dem Tisch.

Der letzte Kaiser [dt./OV]
Dauer: 160 Min.
FSK: ab 12 Jahren
Jahr:
Regie: Bernardo Bertolucci
Produzenten: Jeremy Thomas, John Daly
Hauptdarsteller: John Lone, Joan Chen, Peter O'Toole
Nebendarsteller: Ruocheng Ying, Dennis Dun, Vivian Wu
Studio: AAA Productions, Recorded Picture Company Ltd.
Sprachen: Deutsch, English

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Der Stoff kam aus zwei Quellen, aus Puyis Autobiografie und aus Gesprächen mit dessen Bruder Pujie. Bertolucci wollte die Verwandlung eines Menschen zeigen, vom Drachen zum Bürger, von der Raupe zum Schmetterling. Gedreht wurde zwischen August 1986 und Januar 1987. Rund 19.000 Statisten wirkten an den Dreharbeiten mit, allein für die Krönung sollen es Tausende gewesen sein. Der Aufwand war beträchtlich, die Perspektive blieb die eines Einzelnen. Wie erzählt man ein Jahrhundert chinesischer Geschichte anhand eines Mannes, der es meistens nur erduldet hat?

Besetzung, Drehorte & Infos

Der Monumentalfilm „Der letzte Kaiser“ entstand 1987 als Koproduktion von Großbritannien, Frankreich und Italien. Er dauert 160 Minuten und trägt im Original den Titel The Last Emperor. Regie führte Bernardo Bertolucci, der das Drehbuch gemeinsam mit Mark Peploe verfasste. Vittorio Storaro übernahm die Kamera, Gabriella Cristiani den Schnitt. Die Musik stammt von Ryūichi Sakamoto, David Byrne und Cong Su, die Erhu-Stücke spielte Lu Jian Guo. Ursprünglich sollte das Projekt From Emperor to Citizen heißen. Die deutsche Fassung entstand bei der Berliner Synchron unter der Regie von Ottokar Runze.

Die Besetzungsliste nennt an erster Stelle John Lone, gefolgt von Joan Chen und Peter O’Toole. O’Toole spielt den schottischen Tutor Reginald Johnston, der den jungen Herrscher mit westlichen Ideen bekannt macht. Für diese Rolle waren zuvor Marlon Brando, Sean Connery und John Hurt angefragt worden. Weitere Aufgaben übernahmen Victor Wong, Dennis Dun, Vivian Wu, Lisa Lu und Richard Vuu. Für seine Leistung erhielt O’Toole 1988 den David di Donatello als bester Nebendarsteller. Im Abspann und in den Darstellerlisten erscheint der Name der Hauptfigur als Pu Yi.

Gedreht wurde zwischen August 1986 und Januar 1987 in Peking, Dalian und im Kaiserpalast von Changchun. Die Verbotene Stadt stand dem Team exklusiv zur Verfügung, weshalb Königin Elisabeth II. den Palast während ihres Staatsbesuchs nicht betreten konnte. Weitere Aufnahmen entstanden in Cinecittà in Rom und in Salsomaggiore bei Parma. Die FSK gab den Film ab zwölf Jahren frei. Neun Oscars, vier Golden Globes, drei BAFTA Awards und ein Grammy stehen in der Bilanz. Die FBW in Wiesbaden vergab das Prädikat besonders wertvoll.

Inhalt & Handlung vom Film „Der letzte Kaiser“

Der Film setzt 1950 ein, nachdem die Kommunisten den Bürgerkrieg gewonnen haben und Puyi in ein Umerziehungslager eingeliefert wurde. Von dort springt die Erzählung zurück ins Jahr 1908, als die sterbende Kaiserinwitwe Cixi den Zweijährigen in die Verbotene Stadt holen lässt und ihn zum Kaiser erklärt. Das Kind wächst in einer abgeschlossenen Welt aus Ritualen, Eunuchen und Hofdamen auf, während die Mauern des Palasts für ihn die Grenze der Welt bilden. Wenige Jahre später zwingt man ihn zwar zur Abdankung, doch darf er weiterhin im Palast wohnen. Zunächst unterrichten chinesische Tutoren den Jungen, bevor der Schotte Reginald Johnston diese Aufgabe übernimmt. Von dessen Gedanken angeregt, versucht Puyi Reformen durchzusetzen. Deshalb will er wissen, wohin die Einnahmen und Ausgaben des Hofes fließen, doch die Zahlen bleiben ihm zunächst verschlossen.

Johnston vermutet, dass die Eunuchen Geld und Waren aus den Magazinen abzweigen. Doch bevor Puyi eine Prüfung anordnen kann, brennt eines Nachts das zentrale Magazin ab. Daraufhin ruft der Kaiser Truppen des inzwischen republikanischen China zu Hilfe und lässt die Eunuchen vom Hof vertreiben. Allerdings bleibt diese Geste für seine eigene Lage folgenlos, denn 1924 vertreiben Truppen der Kuomintang ihn selbst aus der Verbotenen Stadt. Draußen findet er jedoch keine Aufgabe, die seinem Selbstbild entspricht. Stattdessen lebt er als Playboy nach westlichem Vorbild, während Musik, Anzüge und Empfänge seinen Alltag bestimmen. In den dreißiger Jahren verschärft sich unterdessen die politische Lage im Land, nachdem Japan bereits 1931 die Mandschurei, die Heimat von Puyis Vorfahren, besetzt hat. Schließlich eröffnet der Zwischenfall an der Marco-Polo-Brücke 1937 die offenen Feindseligkeiten zwischen beiden Ländern.

Kaiser ohne Reich

Die Japaner setzen Puyi gegen den Rat seiner Frau als Kaiser von Mandschukuo ein. Doch der Thron verleiht ihm keine Macht, denn andere treffen sämtliche Entscheidungen. Während Zeremonien und Uniformen die höfische Fassade wahren, erkennt Puyi allmählich, dass man ihn als Marionette benutzt. Gleichzeitig machen japanische Agenten seine Frau opiumsüchtig. Als sie ein Kind bekommt, töten sie das Neugeborene und sperren die Mutter gegen ihren Willen in eine Anstalt. Puyi bleibt in einem Palast zurück, dessen Türen andere kontrollieren. Von den Verbrechen der Besatzer weiß er zunächst nichts, obwohl diese längst das Schicksal unzähliger Menschen bestimmen.

1945 nehmen sowjetische Soldaten Puyi gefangen und liefern ihn fünf Jahre später an die Volksrepublik China aus. In einem Gefängnis für Kriegsverbrecher beginnt seine Umerziehung. Der Direktor behandelt ihn ohne Härte, fordert jedoch, dass er sich seiner Verantwortung stellt. Erst jetzt erfährt Puyi von den japanischen Verbrechen: den Menschenversuchen der Einheit 731, dem Massaker von Nanking und dem massenhaften Opiumhandel. Zehn Jahre verbringt er in Haft. Dabei muss der frühere Himmelssohn erstmals Rechenschaft ablegen und sein bisheriges Leben hinterfragen. Langsam verändert sich dadurch sein Blick auf die eigene Vergangenheit und die Welt außerhalb des Kaiserhofes.

Nach seiner Entlassung arbeitet Puyi als einfacher Gärtner und führt ein unscheinbares Leben. Während der Kulturrevolution von 1967 erlebt er die Ausschreitungen der Roten Garden. Auch der einst wohlwollende Gefängnisdirektor wird öffentlich gedemütigt, ohne dass jemand eingreifen kann. Später besucht Puyi die Verbotene Stadt, die inzwischen ein Museum ist. Dort erzählt er dem Sohn eines Wärters von seiner Kindheit als Kaiser. Er zeigt dem Jungen die Heuschrecke, die er damals eingesperrt hatte, und lässt sie schließlich wieder frei. Der frühere Kaiser besitzt nun weder Herrschaft noch Privilegien und lebt fern seiner einstigen höfischen Welt. Kurz darauf stirbt Puyi als einfacher Bürger der Volksrepublik China.

Filmkritik und Fazit zum Film „Der letzte Kaiser“

Bertolucci erzählt „Der letzte Kaiser“ in zwei Farbwelten, die Vittorio Storaro streng trennt. Die Verbotene Stadt glüht in Ocker, Rot und Gold, das Gefängnis der Gegenwart liegt in kaltem Grau. Der Wechsel zwischen den beiden Ebenen wird von Gabriella Cristiani so gesetzt, dass Erinnerung und Verhör einander ständig kommentieren. John Lone spielt die Hauptfigur mit einer Zurückhaltung, die jede Geste als einstudiert erscheinen lässt. Peter O’Toole gibt dem schottischen Tutor Höflichkeit und Distanz zugleich. Das Drehbuch verzichtet auf große Reden und lässt die Machtverhältnisse durch Türen, Wachen und Sitzordnungen sprechen.

Das Tempo der 160 Minuten ist ruhig, ohne zu erschlaffen. Die Krönungsszene, in der ein kleiner Junge zwischen Tausenden knienden Höflingen hindurchläuft, gehört zu den eindrucksvollsten Massenbildern des Kinos jener Jahre. Ihr steht der nächtliche Brand des zentralen Magazins gegenüber, dessen Feuerschein die Ordnung des Hofes für einen Moment zerreißt. Die Musik von Sakamoto, Byrne und Cong Su verbindet westliche Streicher mit der Erhu und markiert damit den Riss, der durch die Figur läuft. Das Epos bleibt trotz aller Pracht ein Kammerspiel über Abhängigkeit. Manche Etappe der Biografie wird nur gestreift.

Der Film gewann 1988 alle neun Oscars, für die er nominiert war, und das lag nicht nur an der Ausstattung. Wer Historienkino sucht, das den Prunk zeigt und ihn zugleich als Käfig begreift, findet hier einen Hauptvertreter des Fachs. Die 160 Minuten verlangen Geduld und Bereitschaft, sich auf chinesische Geschichte einzulassen. Liebhaber großer Ausstattungsfilme sollten zugreifen, ebenso alle, die sich für das zwanzigste Jahrhundert interessieren. Wer schnelle Dramaturgie erwartet, wird an anderer Stelle fündig.